Die Wahrheit über die Geschlechter

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Die Wahrheit über die Geschlechter

Die Sache mit männlich und weiblich scheint viel Leute zu beschäftigen. Hier daher sehr kompakt die Wahrheit über die Geschlechter.

Wenn wir über die Geschlechter sprechen wollen, sind zwei Aspekte aus der Biologie die Basis und der ganze Witz an der Sache:

Der erste Aspekt erhält derzeit viel Aufmerksamkeit und könnte mit „bunte Vielfalt“ umschrieben werden. Es gibt nicht nur Mann und Frau, sondern massenhaft Ausprägungen und Zwischenstufen. Eine meines Erachtens sehr gute Formulierung kommt von meinem ehemaligen Zoologie-Professor: Männchen oder Weibchen ist keine entweder/oder-Entscheidung, sondern eine mehr-oder-weniger Entscheidung. Das gilt nicht nur für das Individuum als Ganzes, sondern für jedes Merkmal, das irgendwie eine geschlechtliche Ausprägung haben kann. Sehr weibliche und sehr männliche Eigenschaften und anatomische Strukturen können in ein und dem selben Körper vorkommen.

Das gilt für den Menschen, wenn wir die Biologie noch weiter öffnen, wird die Vielfalt verwirrend faszinierend: Da kann das Geschlecht vom Alter abhängen, es gibt Fische, die als Jungfische Männchen sind und als Altfische Weibchen; es gibt Fische, bei denen es umgekehrt ist. Es gibt Reptilien, da hängt das Geschlecht von der Bruttemperatur ab. Auch die Chromosomen sind nicht das Entscheidende: Bei den Säugern sind die mit XY Chromosom die Männchen und die mit XX-Chromosomen die Weibchen, bei den Vögeln ist es umgekehrt (auch wenn man da die Chromosomen anders nennt).

Es gibt also wirklich so gut wie alles, dabei haben wir noch gar keinen Blick zu den Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen geworfen.

Dieser „bunte Vielfalt“-Aspekt wird aktuell gerne betont – und auch zu Recht. Es diskriminiert niemanden und da wir von unseren Denkzwängen her sowieso zu gerne in Gegenteilen denken, ist es sicher kein Fehler, wenn wir unser Hirn hier lockern und all die Ausprägungen erkennen.

Dann gibts da aber noch einen zweiten Aspekt: Diese ganze Vielfalt heißt nämlich nicht, dass wir Geschlecht nicht eindeutig definieren könnten – das können wir in der Biologie sehr wohl. Wir können die Geschlechter sehr grundlegend und eindeutig definieren: Wer kleine Keimzellen produziert, ist männlich, wer große Keimzellen produziert ist weiblich.

Das wars. Keimzellen sind unsere Geschlechtszellen, für sexuelle Fortpflanzung müssen jeweils eine männliche und eine weibliche Keimzelle miteinander verschmelzen und daraus entsteht ein neues Lebewesen. Die kleinen Keimzellen sind die Spermien, die großen sind Eizellen. Der Größenunterschied ist riesig, zumeist sind Spermien die kleinsten Zellen, die ein Körper produziert und die Eizellen die Größten.

Männlich und weiblich sind also nicht durch den Körper, das Verhalten oder die DNA definiert, sondern rein über die Größe der Keimzellen. Diese Definition funktioniert über einen großen Bereich von allem was wir Lebewesen nennen, vom Mensch bis zum Bärtierchen.

Achtung: Diese Definition ist die Grundlage, dass heißt aber nicht, dass sie uns viel über ein bestimmtes Individuum sagt. Sie sagt uns nur etwas über die Rolle des Individuums bei einem spezifischen Fortpflanzungsakt. Die Definition der Geschlechter über Keimzellen ist eindeutig, kann aber natürlich nur angewendet werden, wo Keimzellen im Spiel sind. Sie sagt uns nicht, ob ein Mann der keine Spermien produziert noch ein Mann ist, das ist eine völlig andere Frage. Aber sie sagt uns beispielsweise, dass ein Wesen, das ausschließliche Spermien produziert, männlich ist – egal wie es aussieht, denkt oder fühlt. Dieses Wesen kann ein heterosexueller menschlicher Durchschnittsmann sein oder ein parasitär am Weibchen haftender Hodensack – wie es beim Grünen Igelwurm der Fall ist – die Definition funktioniert in beiden Fällen.

Und mit dem Grünen Igelwurm möchte ich abschließen, denn im Vergleich zum Menschen sind damit beide Aspekte, die Definition und die Vielfalt, wohl am schönsten illustriert. Lest den Wikipediaartikel.

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Fotocredits: Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S, et al. (2012)

Sylvain Ledoyen

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