Das Straubinger-Problem

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Das Straubinger-Problem

Beginnen wir mit einem Wort, das in all seiner Wahrheit schon völlig abgedroschen wirkt: Informationsflut. Es gibt so viel zu wissen und es kommt ständig so viel Neues dazu, dass wir letztlich immer inkompetent sind. Dauernd und auf allen Gebieten.

Das geht jetzt schon eine ganze Weile so und wir wissen von vielen Problemen, die das mit sich bringt. Eines dieser Probleme verdient meines Erachtens mehr Beachtung – und einen eigenen Namen: Ich nenne es das „Straubinger-Problem“.

Manche werden sich an P.A. Straubingers Machwerk „Am Anfang war das Licht“ erinnern. Er gab ein filmisches Statement ab, in dem die These, Menschen könnten sich allein von Licht ernähren, sagen wir mal, erstaunlich positiv dargestellt wird. Ansonsten kennen die Menschen den Straubinger eher von seinen Kino-Kritiken im ORF-Radio Ö3.

Ich hatte im Anschluss an den Film und im Zuge eines Interviews öfters mit Straubinger Gespräche. Was dabei auffällt: Er ist absolut kein Idiot. Straubinger gibt an, jahrelang für seinen Lichtnahrungsfilm recherchiert zu haben. Aus diesen zwei Dingen ergibt sich eine Frage von gesellschaftlicher Relevanz: Wie kann jemand, der kein Idiot ist, der ein Profi im Umgang mit Information ist und jahrelang recherchiert – letztendlich bei absolutem Unsinn landen?

Ja, bei ideologisch Verblendeten kommt sowas regelmäßig vor. Aber bei Journalisten, die einfach nur einer Story nachgehen?

Straubinger ist bei weitem nicht der Einzige: Vor kurzem kam der Film „Eingeimpft“ in deutsche Kinos – nicht googeln, nicht anschauen, lohnt sich überhaupt nicht. Aber auch da verläuft sich ein nicht ungeübter Journalist mit vermutlich akzeptabel arbeitendem Gehirn auf einer vollkommen irren Fährte. 

Und das möchte ich als Straubinger-Problem bezeichnen: Vernünftige Menschen mit Recherchekenntnissen landen bei eindeutigen Themen im absurden Nirvana.

Wenn Informationsprofis sich bei grundsätzlich einfachen Themen, für die mehr als genug Informationen abrufbar sind, vollkommen verkoffern können – was heißt das dann für einen mündigen Normalbürger? Wie soll der den Informationsbrei bewerten, wenn schon Profis einen Straubinger hinlegen.

Ich wäre ein schlechter Klugscheißer, wenn ich keine Lösung hätte. Und die lautet: Checkt die Basics oder lasst die Hände von einem Thema! Mir wurde im Journalismusstudium noch gesagt, man muss als Journalist in 2 Stunden Experte sein und sich so auskennen, dass man es anderen erklären kann. Genau diese Idee sorgt dafür, dass die Medien so oft daneben liegen. Ich habe mit Quantenphysikern geredet, ich habe mehrere populärwissenschaftliche Bücher zu Quantenphysik gelesen und ich mache sicher keine Story über Quantenphysik. Ich weiß, dass ich die Basics dazu nicht verstehe. Und wenn es euch so ähnlich geht, solltet ihr nicht bei der Kopenhagener Deutung anfangen, sondern bei den Grundrechenarten. Verabschiedet euch von traditionellem Bullshit wie – „Wenn man es nicht einfach erklären kann, ist es nicht wert erklärt zu werden“ und: „Wenn es nicht auf eine Seite passt, hat man es nicht verstanden.“ Das ist Müll, die Welt ist komplex und manche Dinge brauchen einen Haufen Vorkenntnisse. Wem die Vorkenntnisse fehlen und wer glaubt sich die Grundlagen komplexer Phänomene schenken zu können, läuft große Gefahr einen Straubinger hinzulegen. Und wird so zum Fakenews-Produzenten. Und von denen haben wir wirklich schon genug.

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