Geschichten gegen Geschichten

Posted on: December 8, 2019
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Mir ist es manchmal ein Rätsel, wie Menschen gegenüber Fakten so unglaublich resistent sein können. Das liegt vielleicht auch an den eigenen blinden Flecken – es ist für mich unmöglich zu sehen, wo ich selber gegenüber Fakten resistent bin. Ich bilde mir ein, dass es sowas nicht gibt, aber deshalb ist es ja ein Blinder Fleck.

Wow, ich kann schon bei der Einleitung abschweifen.

Eine Erklärung für die enorme Faktenresistenz ist mir eingefallen – es ist eine spontane Idee, keine Ahnung ob wer Daten dazu hat, wenn ja, immer her damit: 

Möglicherweise bewerten Menschen bei der Wahrheitssuche einfach nur unterschiedliche Geschichten. In erster Linie Geschichten von anderen Menschen aus ihrem nahen Umfeld. Geschichten wie: Hüte dich vor der Schwester von Freund X, die lügt dauernd. Oder: Mein Haus aus Mondholz ist nach 30 Jahren noch besser in Schuss als der Betonklotz des Nachbarn. Und natürlich: Mir hat Kürbiscremesuppe mit Ingwer hervorragend gegen Verstopfung geholfen. So sammeln wir das Wissen aus unserer Umgebung. Und das machen wir schon sehr lange so. 

Wissenschaft ist auch nur eine Geschichte

Wissenschaft geht anders vor. Ohne ins Detail zu gehen: Dort sind die Geschichten immer nur der Ausgangspunkt für ein Modell, ein Experiment, eine Überprüfung von Hypothesen. Wenn wir über wissenschaftliche Ergebnisse diskutieren, sind das im ersten Schritt keine Geschichten: Es sind an der Realität getestete Ideen.

Natürlich kann man über ein Experiment und dessen Ausgang eine Geschichte erzählen. Aber was noch viel schlimmer ist: Für die meisten Menschen, ist der ganze Ansatz, das ganze wissenschaftliche Tun auch nur eine Geschichte. Bei der Suche nach Wahrheit bewerten viele Menschen nicht wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern vergleichen Geschichten – und die ganze Wissenschaft ist auf der Metaebene nur eine einzelne Geschichte. Eine Geschichte, in der eben Experimente, Hypothesen, Modelle vorkommen, die aber in Summe genauso nur als Geschichte bewertet wird, wie beispielsweise das neue Testament. Deshalb passieren so seltsame Dinge, wie das man jemanden argumentativ an die Wand nagelt und der dann sagt: „Du hast eben deine Sicht der Dinge und ich habe meine.“ Zwei Geschichten, eine so gut wie die andere. Dass Fakten, nein, falsch, dass allein schon das ehrliche Bemühen um Fakten, der methodische Versuch der Selbsttäuschung ein Schnippchen zu schlagen, etwas substanziell anderes ist als Geschichten zu erzählen, hat sich einfach noch nicht herumgesprochen.

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