Warum niemand seine Meinung ändert

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Warum niemand seine Meinung ändert

Mir wurde oft geraten meine Videos nicht so oberlehrerhaft zu machen, lockerer, mehr die Leute abholen- einfach etwas pädagogischer vorgehen. Und ich habe diesen Kritikern dann meistens Recht gegeben, ich dachte ja selbst die Botschaften würden wahrscheinlich wirklich besser ankommen, wenn ich didaktischer, diplomatischer und weniger polemisch wäre. Mir haben sie nur einfach so mehr Spaß gemacht. Aber grundsätzlich habe ich den Kritikern diesbezüglich durchaus Recht gegeben. Und wir haben uns alle geirrt: es ist scheißegal, wie ich meine Texte formuliere; ob ich in verfickter Vulgärsprache polemische Beleidigungen rausrotze oder eloquent über These und Antithese zur Synthese finde macht keinen Unterschied: die Menschen ändern ihre Meinung nicht! Völlig wurscht was ich hier ins Mikro hauche – wie dieser Artikel verrät, ändern Menschen ihre Meinung nicht, wenn diese Meinung ein wichtiger Teil ihres Lebens ist.

Lesen sie den Artikel dazu, der ist echt gut und voller Wissenschaft. Als von der Last des Überzeugen-Müssens befreiter Klugscheisser habe ich jedoch etwas hinzuzufügen:

Was in dem Artikel zu kurz kommt, ist der gesellschaftliche Aspekt. Was ist das absolut Wichtigste für einen Menschen? Die Wirklichkeit korrekt einzuschätzen? Sicher nicht, sonst gäbe es weder Religionen noch Alternativmedizin. Überlebenswichtig war und ist es, in eine Gemeinschaft eingebettet zu sein. Isolation ist tödlich, oder auf intellektuell: Wer gesellschaftlich isoliert ist, neigt dazu Vorfahre von niemandem zu werden. Um in eine Gemeinschaft zu passen, muss ich ähnliche Werte vertreten und die Welt mit ähnlichen Augen sehen. Auch wenn dieser Blick auf die Welt in direktem Widerspruch zur Vernunft steht. Bei Religionen ist es sogar wesentlich, dass der Blick auf die Welt ein möglichst irrationaler ist. Das stärkt die Gemeinschaft, wie hier schon mal erklärt. Natürlich gilt das nicht nur für Religionen, jeder von uns ist mit seinen Überzeugungen gesellschaftlich eingebettet. Und niemand ändert seine Meinung, wenn er damit seine Gruppenzugehörigkeit gefährdet.

Falsche Annahmen, Irrtümer und schwachsinnige Überzeugungen können gefährlich sein, aber sie sind für einen Menschen bei weitem nicht so gefährlich, wie soziale Isolation. Wir riskieren daher lieber blöd zu sein als aus der Gruppe ausgestossen zu werden. So gesehen ist starrköpfige Dummheit ganz vernünftig.

6 Responses to “Warum niemand seine Meinung ändert”

  1. Harald Says:

    Ich stimme größtenteils vollinhaltlich zu – auch dass es sehr wichtig fuer Menschen ist, in einer Gemeinschaft eingebettet zu sein. Was aber eine unwahre Behauptung, ja Unterstellung ist, ist dass Menschen die das nicht hinreichend sind, zu weniger Nachkommen neigen: fuer sex braucht es keine geistige Übereinstimmung, ganz im Gegenteil vermehren sich oft jene sogar ungewoehnlich gut, die auf alle gesellschaftlichen Normen pfeifen. Das faktum tut der restl argumentation aber keinen abbruch (und es nuetzt auch nichts) da sich meinungen ohnedies als Meme und nicht als Gene ausbreiten, wir koennen also auf diesen Biologismus verzichten.
    Lg

  2. Warum Leute trotzdem nicht schlau werden… Rechtfertigungsstrategien in der Alternativ-Medizin | Chiemgau Gemseneier Says:

    […] böse Schlussfolgerung, wie sie auch gerade bei “diewahrheit.at” gezogen wurde: Leute werden nur ganz selten schlauer! … und am wenigsten wenn die […]

  3. Felix Says:

    Immer wieder erhellend im Dunkel der Desinformation. Leider sind die Beiträge mittlerweile sehr selten, was ich bedauere.

  4. Michael Says:

    Sehr geehrter Herr Wipplinger,
    ich frage mich gelegendlich auch welchen Vorteil es wohl hat, die Welt rational zu sehen. In meinem Bekanntenkreis endecke ich überall seltsame esoterische Ausprägungen und zum Teil völlig irre Annahmen und Handlungen. Und immer konnte ich feststellen, es betrifft nie nur einen Lebensbereich. Die betreffenden Personen wollen generell über viele Dinge kein genaues Wissen besitzen. Der Glaube reicht ihnen. So treffen sie dadurch auch immer wieder Entscheidungen die ihnen und ihren Familienmitgliedern schaden.
    Hier also könnte unser Vorteil liegen, wenn es ernst wird, die bessere Wahl zu treffen.
    Zum gesellschaftlichen Aspekt: Wenn man eine wissenschaftliche Weltsicht hat und sich für viele Dinge interessiert befindet man sich bereits in einer gewissen gesellschaftlichen Isolation. Wer dann noch versucht, seine Verwanden und Freunde vom Globuli-Fressen und Warzen-Besprechen abzubringen, der feiert in Zukunft seinen Geburtstag allein. Da haben Sie sicher recht.
    (Vielen Dank für Ihre interessanten und lehrreichen Beiträge der letzten Jahre. Auch wenn weniger Zeit ist – nicht nachlassen die Welt zu verbessern!)

  5. Pedalritter Says:

    In der Tat ein interessanter Artikel und ein gutes Video. Der Schluß, dass die Penetranz, mit der an faktisch unrichtigem fest gehalten wird, durch den sozialen Druck der Ingroup entsteht, halte ich aber bestenfalls für die halbe Wahrheit.
    Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es sich hier um einen Effekt der basalsten Lernprozesse handelt, die uns ab einem gewissen Alter (und damit meine ich mitte 20) grundlegende Überzeugungen einfach so gut wie nicht mehr umstoßen lassen. Wen es interessiert: Die Arbeit vom Neurobiologen Manfred Spitzer in der Lernforschung mag da Hintergrundinformationen bieten.

  6. Joerg Says:

    @pedalritter die Domain “diehalbewahrheit” wäre eh auch witzig 😉
    Bekanntlich sind die wenigsten Dinge monokausal, gibt es zu Spitzer ev auch einen guten Link?

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