Irrtümer im Gesundheitswesen – wie falsche Analogieschlüsse zu Allgemeinwissen werden

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Irrtümer im Gesundheitswesen – wie falsche Analogieschlüsse zu Allgemeinwissen werden

Vortrag auf Einladung der Otto Koenig Gesellschaft

Matreier Gespräche 2017 – Analogie

Das Video ist natürlich nicht von den Matreier Gesprächen, sondern für die Kamera leicht gekürzt nacherzählt. Hier der Text (ebenfalls leicht gekürzt):

„Der zunehmende Mond fördert den Aufbau und die Stärkung des Organismus. Da sich die Aufnahmebereitschaft des Körpers erhöht, nimmt man aufgrund der gesteigerten Fettverwertung viel leichter zu als sonst. … Die relativ schlechte Wundheilung sollte Sie davon abhalten, sich einen Zahn ziehen oder eine Operation vornehmen zu lassen.“

Das ist von der Homepage Mondkraft.com und zeigt kompakt 2 Dinge: Am Anfang steht ein Analogieschluss, und zwar kein besonders komplexer: Mond nimmt zu, du nimmst zu. Bei der Vorbereitung habe ich mir kurz überlegt, ob ich die 20 Minuten nicht einfach mit lauter solchen Beispielen fülle. Das wäre sehr einfach, allerdings auch nach 2 Minuten ziemlich fad.

Der zweite Teil des Zitats zeigt gleich das Problem: Diese Analogieschlüsse führen direkt oder manchmal auch zumindest ein wenig verschlungener zu Gesundheitsempfehlungen. Die Ersteller dieser Homepage schrecken nicht davor zurück, von Operationen zu einem bestimmten Zeitpunkt abzuraten, sie behaupten ein Risiko – das im Übrigen widerlegt ist – und können Menschen damit in Gefahr bringen. Wer eine wichtige OP verschiebt, weil er an den Einfluss des Mondes glaubt, trifft eine nachteilige Gesundheitsentscheidung.

Womit wir beim Kern des Problems sind. Wir sollten als mündige Patienten eigenverantwortlich Gesundheitsentscheidungen treffen. Die Basis dieser Entscheidungen sollten Fakten sein, die wir anhand unserer persönlichen Werte abwägen. Wir erstellen bei jeder Gesundheitsentscheidung eine Nutzen-Risiko-Analyse. Wenn die allerdings nicht auf Fakten beruht, sondern auf oberflächlichen Analogieschlüssen treffen wir falsche Entscheidungen.

Leider passiert genau das. Die Gesundheitskompetenz in Österreich ist nachweislich schlecht, das zeigen Umfragen im Rahmen des Eurobarometers. Menschen in Österreich haben wenig gesundheitsrelevantes Wissen und sie wissen auch nicht, wo sie gute, unabhängige Gesundheitsinformation her bekommen.

Analogieschlüsse spielen dabei eine Rolle, dazu dann später beim Storytelling, erst einmal noch zur Königsdisziplin der Analogieschlüsse: der Homöopathie.

Homöopathie folgt ein paar Grundregeln, die in erster Linie gemeinsam haben, dass sie im Lichte des aktuellen Wissens völlig absurd wirken

Den Wahnsinn der Potenzierung lasse ich aus, reden möchte ich über das zentrale Dogma: „Ähnliches mit Ähnlichem heilen.“

Bienenbeispiel, warum dann allerdings Hundescheiße gegen Arbeitslosigkeit hilft, erkennt man erst, wenn man sich anschaut, wie homöopathische Medikamente gefunden werden. Denn dort sitzt der zentrale Analogieschluss.

Arzneimittelprüfung:

Zitat Wikipedia: „Homöopathische Prüfer, die gesund sein müssen, nehmen ein Mittel ein und notieren anschließend alle Veränderungen und Reaktionen, die sie an sich feststellen.“

Daraus entsteht grob gesagt eine Liste an Symptomen und gegen diese Symptome soll das Mittel dann helfen. Was bei Gesunden Kopfweh verursacht, hilft dann bei Kopfweh. Das ist stark vereinfacht, aber vom Prinzip her, läuft das so ab.

Es gibt dann immer einen Prüfungsleiter, der die Symptome zusammenfasst und gewichtet und daraus ein Arzneimittelbild baut. Diese Arzneimittelprüfungen sind nie doppel verblindet und selten verblindet – dh. Die Teilnehmer oder spätestens der Prüfer, können sich mit freien Assoziationen zu der getesteten Substanz Symptome einbilden. Entsprechend kommen völlig andere Dinge heraus, wenn eine Blütenessenz getestet wird als wenn beispielsweise radioaktives Plutonium getestet wird – und ja, auch daraus wird ein homöopathisches Mittel gewonnen. Es gibt quasi keine Arzneimittelprüfung, bei der nicht eine Wirkung gefunden wird, denn Analogieschlüssen fallen uns zu allem ein.

Sprachlich alle Freiheiten. Gilt nicht nur für Homöopathie, das Geheimnis, warum hier immer anscheinend passende Analogien gefunden werden, ist: Die Begriffe werden nicht sauber definiert. Schwammige Begriffe und Definitionen erlauben es, Ähnlichkeiten und Analogien zu finden, wo immer man möchte. Ich mach das gerade auch: Das ist kein wissenschaftlicher Vortrag, ich habe keine eindeutige Definition von „Analogie“ geliefert – das ermöglich mir, über alles zu sprechen, was mir dazu einfällt.

Bei schwammigen Bildern ist es auch nicht notwendig, dass das Gedankengebäude des Erzählers exakt zu dem Gedankengebäude des Empfängers passt. Wenn etwas nicht fix definiert ist, kann jeder daraus machen, was er möchte.

Lieblingsbeispiele: Schwingungen und Energie. In der Physik sind das klar definierte Begriffe, die sich für Analogien nur begrenzt eignen. Im Alltag werden die Begriffe viel breiter verwendet, sie werden überhaupt nicht definiert. Energie kann alles sein – und mit so einem Platzhalter lassen sich wunderbare Analogien bauen. Die auch jeder begreift – und wenn nicht, auch egal, weil dann baut er sich seine eigene Analogie daraus. Für mich kann positive Energie ganz was anderes sein als für Sie – solange wir das nicht definieren, merken wir nicht einmal, dass wir über unterschiedliche Dinge reden.

Storytelling 

Kranke möchten wissen, warum sie krank sind. Das gilt bei einer Erkältung und viel mehr natürlich noch bei schweren Erkrankungen. Die wahren Ursachen sind oft komplex: Beispielsweise ist das Wettrüsten zwischen Parasit und Wirt nicht unbedingt intuitiv. Und oft sind die Ursachen unbekannt. Aktuelle Studien zu Krebs zeigen, dass der Lebensstil nur relativ wenig ausmacht und es sich meist schlicht um Zufall handelt. Das ist keine gute Geschichte.

Und wir wollen gute Geschichten: Passiert auch Biologen, die lange geglaubt haben, alles was es gibt, muss einen adaptiven Wert haben. Und da wir kreativ sind, fällt einem natürlich auch immer einer ein.

So ist es auch bei  Krankheiten: Man kann die ganze Biografie eines Menschen durchgehen, da wird man immer etwas finden. Und meistens werden diese Erklärungsgeschichten für Erkrankungen über Analogien aufgebaut. Da wir beim Bauen von Analogien alle ähnlich funktionieren, entstehen dabei glaubwürdige Geschichten – was im Grunde ein Zirkelschluss ist. Wir erfinden etwas, das aus Analogieschlüssen heraus glaubwürdig klingt, und glauben es dann, weil es aufgrund der Analogieschlüsse glaubwürdig klingt.

Beispiel Ryke Gerd Hamer 

Er nimmt den Krebs einfach immer als Manifestation eines Konflikts. Löst sich der Konflikt, verschwindet der Krebs. Er ist dabei nicht einmal sonderlich kreativ, in den meisten Fällen, so auch bei Olivia, hat er etwas von einem Wasserkonflikt gefaselt.

Dahlke: Krankheit als Symbol.  Analogien lassen sich aus der Sprache selbst ableiten, was Dahlke sehr gerne macht, sind Phrasen aus der Alltagssprache zu verwenden. Ein Beispiel:

„Heil meint vollkommen und ganz, letztlich auch integer, weil alles integriert ist. Heilung erlebt, wer vieles und letztlich alles zusammenbringt. Schlussendlich muss alles beisammen sein. Das wird auch umgangssprachlich etwa mit »Du hast sie wohl nicht alle!« oder »Hast du noch alle beisammen?« ausgedrückt.“

Er konstruiert also keine physische Analogie, sondern eine sprachliche, die vom Zuhörer gerne aufgenommen wird, weil sie bei etwas Bekanntem ansetzt. Der erste Schritt zur Manipulation ist nun mal der Ansatz mit etwas Bekanntem. Solche Sprachbilder können gar nicht einfach genug sein. Da kommen dann auch so Sprüche zustande, wie dass es Diabetikern einfach an Lebenssüße mangele.

Solche Sprachbilder sind deutlich eingängiger als es die medizinischen Erklärungen sind – die noch dazu häufig von einem wenig empathischen Arzt mit viel zu wenig Zeit in einer unverständlichen Fachsprache erklärt werden.

Probleme damit: 

  • -die Geschichten haben mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das Geringste mit den echten Ursachen zu tun-> führen zu falschen Handlungen (Olivia)
  • die Stories treten in Konkurrenz zu medizinischen Erklärungen. Sie sind dem alltäglichen Denken näher als es die komplexen physiologischen Zusammenhänge sind, werden her geglaubt-> führen zu falschen Handlungen
  • -Sie liefern befriedigendere Erklärungen, weil es die besseren Geschichten sind: es passiv, es ermöglicht einem keine Handlungen (ich änder mein Leben, also geht der Krebs weg!)
  • Schuld. Zwar machen solche Geschichten den Patienten handlungsfähig, aber er macht nicht nur die falschen Handlungen, sondern er ist dann auch noch Schuld an seiner Erkrankung. Was den Heiler in die angenehme Situation bringt, stets dem Patienten die Schuld geben zu können: Nicht sein Rezept oder seine Geschichte sind falsch, der Patient hat es einfach nicht geschafft, sein Leben in den Griff zu bekommen oder einfach nicht stark genug geglaubt.

Medien

Den Titel „Wie falsche Analogieschlüsse zu Allgemeinwissen werden“  hat sich der Dr. Bernhart Ruso ausgedacht und ich möchte noch kurz pflichtschuldig darauf eingehen: Wie werden sie zu Allgemeinwissen?

Einen großen Vorteil habe ich schon genannt: Sie sind glaubwürdig, wenn auch oft aus einem Zirkelschluss heraus. Und sie ergeben oft die bessere Geschichte. Trotzdem müssen sie, um zu Allgemeinwissen zu werden, auch verbreitet werden. Und wer verbreitet gute Geschichten, oft völlig unabhängig davon, ob sie wahr sind oder nicht? Richtig, die Medien.

Studie Untersuchung: 60 Prozent verzerrt, nur 11% zutreffend.

Die Gründe für diese verzerrte Berichterstattung sind vielfältig – zu kleine Redaktionen, Zeitdruck – aber im Zusammenhang mit dem Thema hier, geht es wohl darum, dass Redaktionen nicht jene Studien bringen, welche die beste Qualität und die wichtigsten Resultate haben, sondern jene, welche die beste Story sind. Das nimmt bisweilen absurde Maßstäbe an: Beispiel! Gefakte Schokostudie

Weiterer Mechanismus: Medien Legitimieren Analogieschlüsse durch ständige Wiederholung

1-2 Mal im Jahr recherchierte Geschichte, dass Detox Unsinn ist, aber 50 Mal im Jahr Empfehlungen für richtiges Detox. Detox ist übrigens ein großartiges Beispiel für einen falschen Analogieschluss: Die Vorstellung, ein Körper müsse wie ein Hochofen gelegentlich von Schlacken und Giften befreit werden, ist ein Bild, das offensichtlich vielen Leuten besser einleuchtet, also die Entgiftungsfunktionen von  Leber, Niere, Lunge und Haut.

Horoskope  bestehen aus Fantasie, Archetypen und Analogieschlüssen – Mars-rot-Blut-Kriegsgott-entsprechende Eigenschaften. Und sie erhalten ihre Legitimation zu einem nicht Geringen Teil aus ihrer enormen Medienpräsenz. Der öffentlich-rechtliche ORF mit seiner regelmäßigen Sendung mit Gerda Rogers betreibt diesbezüglich beste Desinformation.

Fazit:

Analogien schmeicheln dem Gehirn, sie sind leicht zu verarbeiten und es lassen sich daraus schöne Geschichten bauen, die uns mehr einleuchten als die oft komplexen Krankheitsursachen. Leider sind die Geschichten falsch und führen zu falschen Gesundheitsentscheidungen.

Einziges Gegenmittel sind gute und gut aufbereitete Gesundheitsinformationen. Die finden Sie beispielsweise hier:

2 Responses to “Irrtümer im Gesundheitswesen – wie falsche Analogieschlüsse zu Allgemeinwissen werden”

  1. Video: Falsche Analogieschlüsse bei Mondgläubigen, Dahlke, Homöopathen und Co. @ gwup | die skeptiker Says:

    […] Neues Video von Jörg Wipplinger: […]

  2. Psiram » Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW01, 2018) Says:

    […] diewahrheit.at: Irrtümer im Gesundheitswesen – wie falsche Analogieschlüsse zu Allgemeinwissen werden […]

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