Die Wahrheit über die Lügenpresse

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars


Die Wahrheit über die Lügenpresse

 

Top aktuell wie immer, hier nun Jahre nach dem Hype um das Wort „Lügenpresse“ mein Kommentar dazu. Dafür allerdings wie üblich die reine Wahrheit:

Interessant an dem Wort ist ja eigentlich nur: Stimmt es? Ist der Vorwurf „Lügenpresse“ berechtigt? An dieser Stelle setzen meist die Verschwörungstheorien ein: Mainstreammedien berichten nur was sie dürfen, nur was ihnen Geld bringt und Journalisten werden gezwungen nur in einer bestimmten Weise über etwas zu berichten.

In seltenen Fällen hat das einen winzigen wahren Kern, aber das ist nicht das Problem. Journalisten machen großteils einen guten, relativ unabhängigen Job; sie sind gut ausgebildet und machen die Stories, die sie machen gut. Das können Sie mir glauben, ich kenne haufenweise solche Journalisten, manche davon spielen sogar ganz brauchbar Fußball.

Also doch nix mit Lügenpresse?

Oh doch, allerdings aus einem ganz anderen Grund. Dazu müssen wir erst mal über journalistisches Handwerk reden. Es gibt ein paar Grundregeln, eine davon heißt: Check, Recheck, Doublecheck. Auf Deutsch: Jede Story muss mehrfach überprüft werden. Im journalistischen Alltag bedeutet das: Jede Story muss zumindest auf zwei voneinander unabhängigen Quellen beruhen. Alles andere ist im Grunde kein Journalismus.

Das Blöde: Etwa 80 Prozent aller Berichte in den Medien beruhen auf einer einzige Quelle. Das heißt: Selbst von allen anderen Problemen des Journalismus abgesehen, allein aufgrund dieser Tatsache wissen wir: Bei über 80 Prozent aller Berichte wird die journalistische Arbeit einfach nicht gemacht. Kurze Anmerkung: Die Quelle dazu ist schon von 1985 (Baerns, Barbara (1985/1991): Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluss im Mediensystem. Köln: Berend von Nottbeck), daher habe ich bei dem Journalismusforscher Stephan Russ-Mohl nachgefragt: Er vermutet, dass es heute eher schlimmer ist.

Wenn wir also davon ausgehen, dass Journalisten ihre Jobs gut und richtig machen und es sonst keine Abhängigkeiten oder Ängste gibt – dann sind immer noch nur 20 Prozent aller Stories journalistisch korrekt gearbeitet. Ein Fünftel. Und dieses Fünftel geht in 4 Fünfteln nicht überprüfter Geschichten unter. Das heißt nicht, dass 80 Prozent aller Geschichten falsch sind, sie sind nur nicht überprüft.

Eine Studie, bei der ich mitarbeiten durfte, hat das für den Gesundheitsjournalismus deutlich illustriert: Nicht einmal 11 Prozent der Gesundheitsgeschichten stimmen mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft überein.

Journalismus und Wissenschaft (mehr dazu hier oder hier) haben ein ähnliches Problem: Durch den Zwang dauernd etwas veröffentlichen zu müssen, entsteht tonnenweise Müll. Und es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Müll die wertvollen Inhalte auszusieben.

Wer von dem Vorwurf „Lügenpresse“ überzeugt ist, wird das nicht tun. Sondern er wird in beinahe allen Medien im 80-Prozent-Berg von nicht überprüften Geschichten genug Material finden, um den Vorwurf „Lügenpresse“ handfest untermauern zu können.

Die Werbung der Gratiszeitung „Heute“ hat durchaus Recht: „Guter Journalismus beginnt damit, den schlechten wegzulassen.“ Aber wer lässt schon gerne 4/5 seiner Geschichten weg?

 

 

 

Bild: Coyau / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

7 Responses to “Die Wahrheit über die Lügenpresse”

  1. rolak Says:

    schon von 1985

    Also doch schon mindestens so lange – dann ist also mein Gefühl der immer mehr grassierenden NichtÜberprüfung wieder nur eine der üblichen Fehleinschätzungen..

    Allerdings können aufgrund dessen die Journalist*en maximal faule Säcke/Tüten tituliert werden, diesen Schlecht- bis Falschmeldungen fehlt die Absicht zur Lüge.

  2. Joerg Says:

    @rolak über die Ursachen, warum das so ist, habe ich nichts geschrieben. “Faule Säcke” sind die meisten meines Wissens nicht, im Gegenteil – ev. hole ich Erklärungen noch nach.
    Ob ein System, das Nachrichten produziert und dabei seit zumindest 1985 nicht nachgebessert hat, dass 80 Prozent der Nachrichten nicht überprüft werden, nicht doch die Lüge systemimmanent integriert hat, könnte diskutiert werden 🙂

  3. rolak Says:

    Das sollte keine Ursachenfindung darstellen, sondern der Versuch einer freundlicheren Beschreibung allein aus dem Beschriebenen. Zusätzlich bezog sich das ausschließlich auf die Punkte “Check, Recheck, Doublecheck” – sein lassen ist dabei für mich fahrlässig oder faul; letzteres wohl die schmalere Aburteilung.

    systemimmanent

    Da plädiere ich für ‘nein’, fehlt mir doch der aktionsbezogene Vorsatz. Wer auch immer sich an “och, das überprüfen wir in der Regel gar nicht” hält oder es gar propagiert riskiert zwar eine höhere Fehler- bis Falschmeldungs-Quote, doch es fehlt die Lügenfortsetzung “.. weil wir keine möglichen Fehler oder Falschmeldungen korrigieren wollen”.

  4. rolak Says:

    ..und schon heute berichtet der rssFeed vom Erscheinen dieses Artikels ;‑)

  5. Jörg W. Says:

    seltsam, aber ich gebe zu, dass mit meiner gigantischen Veröffentlichungsfrequenz auch die technische Wartung etwas mitleidet. Aber immerhin gibt es den rssfeed noch 🙂

  6. Bubger Says:

    https://www.amazon.de/Gekaufte-Journalisten-Udo-Ulfkotte/dp/3864451434

  7. rolak Says:

    Auch für jenen Udo gilt ‘Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung’ – doch er ist offensichtlich nach dieser Mischung aus Autobiographie und grotesk gesteigerter Übertragung falsch weitergegangen.

schreib einen Kommentar