Das Hirn – die dumme Alarmanlage

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Das Hirn – die dumme Alarmanlage

Eine Bestellung – warum wir Unsinn glauben.

Text:

Ich habe in einem Mail eine ganze Reihe von Fragen bekommen und möchte als erstes eine aufgreifen, die sich jeder Skeptiker immer wieder mal in irgendeiner Form stellt: Zitat aus dem Mail: „Einerseits will ich die Wissenschaft vertreten, andererseits erwachsenen und intelligenten Menschen nicht den Verstand absprechen. Die müssten doch von selber drauf kommen?! Warum gibt es noch Leute, die den Rattenfängern hinterherlaufen?“

 

Im Grunde habe ich schon in ganz vielen Videos versucht, genau darauf zu antworten. Die vermutliche deprimierendste Antwort gab es hier: http://www.diewahrheit.at/video/diskussionszerstorer-teil-4-idioten

Aber: Dummheit ist nicht das große Problem, denn wie der Fragesteller richtig festhält, glauben intelligente Menschen ja auch jeden Dreck.

Das liegt am Gehirn. Unser Gehirn ist nämlich kein Apparat zum Erkenntnisgewinn. Tolle Erkenntnis, oder?

Das Hirn ist viel mehr eine hypernervöse Alarmanlage, gebaut um uns Überleben zu lassen und nicht dafür, dass wir die Welt begreifen. Erkenntnisgewinn ist einfach nicht sein Zweck, sondern nur eine Nebenwirkung – die nur eintritt, wenn wir uns echt Mühe geben. Ansonsten funktioniert die Alarmanlage vollautomatisch, mit einfachen Mechanismen, den  Denkzwängen.

Der wichtigste davon: Das Gehirn erkennt keine Zusammenhänge. Es konstruiert sie. Dauernd und in Hochgeschwindigkeit und vollautomatisch: Zwischen dem Mond und dem eigenen Verhalten, zwischen Medikamenten und der eigenen Gesundheit, zwischen allem was zeitlich knapp beieinander hängt. Das macht es, um ja keinen Zusammenhang zu übersehen. So wie eine Alarmanlage Fehlalarme in Kauf nimmt, baut das Hirn unzählige falsche Zusammenhänge, um ja keinen wesentlichen echten zu übersehen.

Und was richtig gemein ist: Wir müssen an all diese Zusammenhänge glauben, damit das Gehirn als Überlebensmaschine funktioniert. Das hat sich im Überleben bewährt. Im Erkenntnisgewinn nicht. Da müssen wir die dumme Alarmanlage namens Hirn umgehen, uns gegen unsere eigenen Emotionen und gegen unser scheinbares Wissen auflehnen. Das ist mühsam. Es gibt nämlich noch einen ganzen Haufen weiterer Denkzwänge, die einem da im Weg sind. Und es gibt sozialen Druck, die weit verbreiteten Täuschungen ja nicht anzutasten.

Aber so ganz global gesehen, ist meine Antwort auf die Frage, warum es noch Leute gibt, die den Rattenfängern hinterherlaufen: „Weil das Hirn nicht in erster Linie dafür gebaut ist, Erkenntnis zu gewinnen. Ist einfach nicht sein Job.“

23 Responses to “Das Hirn – die dumme Alarmanlage”

  1. pedalritter Says:

    Für mich ganz klar wieder mal eins deiner guten Werke! Es mag bestimmt nicht wenige geben, denen noch nicht gedämmert hat, dass unter den evolutionären Drücken, die die Gehirnentwicklung geleitet haben, die Fähigkeit zu philosophischer Reflektion über Logik, Realität und Erkenntnis keine sehr prominente Stellung eingenommen haben dürften. Ich glaube, du bist da tatsächlich schon recht dicht an der Wurzel allen Übels 😉
    Damit verabschiede ich mich für 14 Tage in den Süden und hoffe hiernach auf ein baldiges Wiedersehen.
    Gebenedeiht,
    Niki

  2. cydonia Says:

    Das Beste von dir seit Langem! bitte mehr davon!

  3. Roman Says:

    Von der Seite betrachtet erklärt das Einiges.
    Für mich ist das Wort “Denkzwang” zwar teilweise selbsterklärend, doch steckt da sicher mehr dahinter als man vermuten mag. Hast Du Details in der Hinterhand? Wikipedia schweigt nämlich …

  4. Joerg Says:

    @Roman
    ich muss zugeben, dass ich zu dem Wort keine Quelle mehr habe und es trotzdem schon länger verwende. Vielleicht wird das noch mal so eine Serie wie die Diskussionszerstörer…

  5. Roman Says:

    Keine Quelle zu haben ist ja auch OK, wie sollte sonst etwas Neues entstehen.

  6. helfgott Says:

    “müssen wir die dumme Alarmanlage namens Hirn umgehen” — da frag’ ich mich was denn mit Hirn gemeint ist, und welches andere Organ diese supertollen Umgehungswege herstellt. Das Herz?

    Mein Hirn funktioniert übrigens ganz gut zum Erkenntnisgewinn. Naja, vllt. bin ich garkein Mensch sondern ein Gott?

  7. Susanne V. Says:

    Ich halte das für eine mehr als grobe Vereinfachung und außerdem für total falsch. Erstens weiß man eigentlich nur sehr wenig über die Gehirnfunktionen und zweitens sind Emotionen auch etwas das aus dem Hirn kommt. Man weiß überhaupt sehr wenig über die Funktion des Lebens. Aber – wer nicht nach Erkenntnis strebt wird sie auch nicht erreichen. Erkenntnis klingt großkotzig ist aber nichts weiter als etwas “richtig einschätzen”. Wir besitzen auch Logik. Auf diese kann man sich immer verlassen, nur braucht man dazu richtige Fakten und da hapert es meistens. Unser heutiges Wissen hatten frühere Generationen nicht. Fehlschlüsse entstehen dann, wenn man Fehlinformationen hat, oder wenn man zu wenige Informationen hat. Unsere Existenz baut nur auf Informationen auf. Wer mehr und richtigere Informationen hat, findet eher Futter, bereitet sich eher auf schlechte Zeiten vor, setzt sich gegen Konkurrenten eher durch. Für Menschen gilt das insofern nicht prinzipiell, als wir in einer Gemeinschaft leben. Da werden die Dummen von den Klugen mitgenommen. Aber ansonsten geht es immer um Erkenntnis und nur um Erkenntnis. Das ist die Wahrheit. 🙂

  8. Joerg Says:

    @Susanne im großen und ganzen widerspricht nichts von dem was du schreibst, dem Video – ja wir besitzen auch Logik und können Dinge gelegentlich richtig
    einschätzen. In einer persönlichen Diskussion könnten wir uns jetzt erst mal ausführlich über den Begriff “Erkenntnis” austauschen…
    Aber das ändert nichts daran, dass das Hirn beim Konstruieren von Zusammenhängen extrem hyperaktiv ist und eben keine Erkenntnis gewinnt, sondern
    sicherheitshalber Zusammenhänge behauptet, wo gar keine sind. Wir müssen andere Funktionen unseres Gehirns bewusst aktivieren, um diesen falschen Annahmen auf den
    Grund zu gehen (@helfgott – ist dir damit auch geholfen?): wir müssen mit Vernunft zu methodischen Kniffen greifen, die den vorschnell hergestellten
    Zusammenhang überprüfen. Beispiele: Gibt es bei Vollmond mehr Geburten (konstruierter Zusammenhang aufgrund subjektiver Erfahrung)-> Daten aufnehmen und statistisch auswerten -> gibt es nicht. Ganz grob ist das in etwa das, was man Wissenschaft nennt 😉

  9. Jens Says:

    Kann es sein das Du selbst ein Problem hast und den Fehler beim Rest der Welt suchst.
    Ich kenne das aus eigener Erfahrung.
    Stell Dir vor Du wärst ohne Augen Ohren riechen tasten und schmecken auf die Welt gekommen.Also ohne deine Sinnesorgane.Dein Hirn hätte nichts wahrgenommen.Könnte es dann alleine etwas konstruieren?Ich denke vieles was Du hier vom Stapel läßt ist konstruiert.Ich denke wir haben unsere Sinne um wahrnemen zu können und daraus zu erkennen.” der Geist redet das was er`hört”
    Aus uns selbst herraus können wir unendlich viele Wariationen von “Wahrheiten” konstruieren.Ob es der Wahrheit dient sei dahingestellt .

  10. Joerg Says:

    @Jens in diesem Video habe ich weder ein Problem, noch suche ich eines beim Rest der Welt. Ich versuche nur etwas über Ursprung und Funktionalität des Gehirns zu sagen.

  11. Jens Says:

    Wahrnehmen , erkennen , handeln. Punkt.

  12. Joerg Says:

    @Jens Wow. Ja, damit ist echt alles zum Thema gesagt. Lasst uns die Neurowissenschaften einstellen!

  13. Jens Says:

    Mann sollte sie zumindestens den Leuten überlassen , die genügend Grundwissen Ihrer Materie besitzen , auf diesem Grundwissen aufbauen und sich die Zeit nehmen für neue Erkentnisse die sie dann hinzufügen können.
    Dann hätten wir nicht Jahrelang auf einer Scheibe gelebt , würden kein Endlager für Atommüll suchen müssen oder besser gesagt hätten wohl garkeinen Atommüll.Ich glaube die Wahrheit kann man nur erkennen und sollte man nicht versuchen.Die Frage ist ob man mit Erkenntnis auch schnell viel Geld machen kann.
    Und nun noch mein Beitrag zum Gehirn.
    Ich glaube es ist nicht vorrangig zu wissen wie es funktioniert , sondern zu vertrauen das es funktioniert. Denn es muß nicht neu erfunden werden.
    Ich glaube das ist wie mit einem Musikinstrument, Viele können nur darauf rumklimpern , dan gibt es welche die darauf ganz gut spielen können und einige die es beherschen.Frage mal ein Musikgenie ob er oder sie ( sorry sie oder er ) in vollkommener Ausübung Ihrer Tätigkeit DENKEN.

  14. REALM Says:

    Das Hirn hat nicht nur eine Funktion, nämlich ÜBERLEBEN im Programm sondern noch ein zweites das ist “RECHT HABEN”; mehr muss auch nicht sein um den biologischen Fleischklotz zu erhalten. Manchmal kommt das RECHT HABEN vor dem ÜBERLEBEN, das nennen wir dann Krieg. Also unser Hirn ist nicht das was so viele glauben was es ist.
    GRATULATION

  15. Joerg Says:

    @REALM danke.

  16. Susanne V. Says:

    Man sollte sich selbst nicht als ein Individuum betrachten welches für sich alleine existiert. Jedes Individuum ist nur Teil eines großen Ganzen und dieses Ganze kann nur existieren wenn jedes einzelne Teil so funktioniert wie es soll. Auch Dummheit, Krankheit und alles andere “Böse” hat so gesehen seine Berechtigung. Uns sind gewisse Grenzen gesetzt und diese Grenzen sind biologischer Natur. Das werden selbst die Wissenschaftler irgendwann begreifen müssen. Die Natur reguliert sich selbst. Eine Spezies die zu “erfolgreich” ist, sich also zu stark vermehrt, wird irgendwann dezimiert werden. Das Gleichgewicht kann immer nur kurzzeitig gestört werden, dann schlägt das Pendel wieder zurück, in die andere Richtung. Deshalb wurde die Dummheit erfunden. Sie kann jederzeit über uns herein brechen. 🙂

  17. Jörg W. Says:

    Was heißt “sie kann” – Dummheit bricht laufend über uns herein 😉
    Ich betrachte mich dennoch als Individuum. Natürlich kann ich nicht ohne Umwelt leben, aber die Umwelt durchaus ohne mich, ich muss nicht funktionieren, wie ich soll; laut Natur muss ich gar nix, denn der bin ich wurscht.Bin kein Freund der Vermenschlichung der Natur.

  18. Jens Says:

    Wo hört denn das Natur sein auf und wo fängt das Mensch sein an ?

  19. Joerg Says:

    @Jens Häh? Versteh ich nicht. Ich meinte mit “Vermenschlichung der Natur”, dass man der Natur Willen, Persönlichkeit, Moral oder Ähnliches unterstellt. Macht für mich keinen Sinn.

  20. Jens Says:

    War auch nicht direkt an dich gerichtet die Frage.
    War eher an die Allgemeinheit gerichtet.
    Dieser Frage liegt eine Vermutung meinerseits zu Grunde das die Evolution des Menschen wohl mit dem körperlichen noch nicht abgeschlossen ist und es da womoglich noch etwas mentales zu überwinden gibt das uns dann am Ende wahrhaftig zu dem macht was man als Mensch verstehen darf.
    Das ich der Natur wurscht bin glaube ich allerdings eher weniger , da ich ja ein Teil dieser bin.
    Wer ist sich schon selber wurscht ?
    ( gefundene Schreipfehler dürfen behalten werden)

  21. Gernot Says:

    Eine dumme Alarmanlage, sicher ist das Hirn auch. Dort ist aber auch eine effiziente Fähigkeit zur Tradierung von sozialen und materiellen Kulturtechniken durch Nachahmung mit Hilfe von Netzwerken aus Spiegelneuronen verankert. Effizientes Nachahmen erfordert und erfolgt duch kritiklose (dumme) Übernahme des Vorgelebten. Damit sind wir wieder beim dummen Hirn (und bei den absoluten Wahrheiten bzw.Offenbarungen der Religionen).
    Interessantes zu diesem Thema im jüngsten Buch von V.S. Ramachandran ‘Die Frau, die Töne sehen konnte’

  22. Esokatze Says:

    Alos ist der Job des Gehirns, das Überleben seiner DNA zu sichern? Stört da Erkenntnissgewinn wirklich? Oder gibt es doch die Möglichkeit, dass wir uns weiter entwickeln, und Erkenntnisgewinn uns mehr Paarungsmöglichkeiten gibt.

  23. diewahrheit.at » Blog Archive » The war will go on Says:

    […] Aber mein eigentliches Argument gegen den Beitrag Bartuscheks ist ein Wechsel der Perspektive: Als Produkt der Evolution arbeitet unser Hirn nach bestimmten Mustern und befolgt Denkzwänge, wie ich sie hier schon einmal beispielhaft beschrieben habe: http://www.diewahrheit.at/video/das-hirn-die-dumme-alarmanlage […]

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