Beweislastumkehr

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Beweislastumkehr

Die Existenz Gottes kann nicht bewiesen werden.

Ja, aber seine Nich-Existenz auch nicht.

Die Wirkung von Homöopathie ist nicht bewiesen.

Du kannst aber auch nicht beweisen, dass sie nicht wirkt.

Das ist so ermüdend. Dabei ist es so einfach: Wer behauptet, dass es etwas gibt oder das etwas wirkt ist in der Beweispflicht. Aber das ist offensichtlich schwer zu kapieren. Wenn wer behauptet, dass Homöopathie nicht wirkt, warum muss der das dann nicht beweisen? Warum müssen Atheisten nicht beweisen, dass es keinen Gott gibt?

Das hat unter anderem einen sehr pragmatischen Grund: Ein negativ-Beweis ist methodisch nicht möglich. Eine Nicht-Existenz lässt sich überhaupt nicht beweisen, ebensowenig eine Nicht-Wirksamkeit. Nehmen wir eine Medikamentenstudie: Angenommen ich finde in einer sauberen Studie heraus, dass das Medikament nicht gegen Kopfschmerzen hilft. Dann könnte es ja sein, dass es bei anderen Patienten geholfen hätte. Und wenn ich es bei ganz vielen Patienten nicht hilft, von mir aus bei keinem Menschen auf der ganzen Welt, dann ist damit noch nicht bewiesen, dass es bei anderem Wetter nicht doch geholfen hätte.

Und es hat noch einen anderen Grund: Etwas zu behaupten ist extrem einfach. Wenn wir nicht für die Behauptung einen Beweis verlangen, sondern für deren Widerlegung, kommen wir nirgends hin, außer in ein Chaos von Verleumdung und Wahn: John Oliver hat das wunderbar illustriert: (Video von John Oliver – Ausschnitt aus seiner Sendung über Impfungen: https://youtu.be/7VG_s2PCH_c )

Christopher Hitchens hat ein sehr einfaches Rezept geliefert: „Was ohne Beweis behauptet wird kann auch ohne Beweis abgelehnt werden.“

Aber das scheint viele zu überfordern. Daher werde ich künftig eher das Rezept von John Oliver verwenden. Wenn also das nächste mal jemand mit „Du kannst aber auch nicht beweisen, dass es nicht wirkt/existiert …“ argumentiert, dann bitte ich ihn um den Beweis, dass er nicht mit als Cheerleader verkleideten Eseln kopuliert.

7 Responses to “Beweislastumkehr”

  1. rolak Says:

    Rezept von John

    Ja, das war schon schön, Jörg, und hat seit dem Hören/Sehen vor kurzem tatsächlich schon einmal Anwendung² gefunden. Mit einem herrlichen Gesicht auf der anderen Seite, es war förmlich spürbar, wie die Zwickmühle sich durchs Denken bröselte.

    Ich hätte auch eine Hypothese, warum dieserVersuch mit einer derart großen (anfänglichen) Selbstsicherheit unternommen wird: Dem beim Anhängen gleich welcher Ideologie offensichtlich erschütternd naheliegenden, fundamentalen Fehlschluß “Alle, die derselben Meinung sind wie ich, sind derselben Meinung wie ich – das muß stabil sein. Überzeuge mich vom Gegenteil!”

    _____________________
    ² dezent³ umformuliert
    ³ bei der Verkleidung

  2. Joerg Says:

    @rolak
    Gratulation, bin ja sehr gespannt, wann ich das nächste Mal die Gelegenheit habe – und zu welcher Formulierung ich dann im Detail greifen werde.

  3. Joe Says:

    Jedes Medikament, das neu zugelassen wird muss beweisen, dass es wirkt und/oder besser als sein Vergleichsmedikament. So einfach ist das.

  4. rolak Says:

    Jedes ..

    Hey Joe, ist das als Forderung oder als Feststellung gemeint?

  5. Joerg Says:

    @Joe
    ja, eh. Es muss seine Wirksamkeit beweisen, seine Unwirksamkeit wäre ja gar nicht beweisbar, dass ist eben eines der Beispiele im Video. War irgendwas daran missverständlich?

  6. Joe Says:

    @Joerg Es ist ja auch eine Zustimmung. Jedes Medikament muss sich “beweisen”, nur Homöopathika die aich ja auf dieselbe Stufe wie Medikamente stellen wollen nicht. Wobei sich ja die “Unwirksamkeit” manchmal auch bei Medikamenten rausstellt(soweit die dahinterstehende Industrie nicht zu starkes Lobbying macht). Die dann halt wieder vom Markt genommen werden.

    Insofern ist das beweisen einer Unwirksamkeit durchaus möglich, es muss jedoch eine klare Fragestellung bestehen. (Wirkt Medikament x bei Krankheit y) Homöopatika schaffen ja auch durchaus eine Wirksamkeit, die dann aber halt leider auf dem Niveau des Placebos ist.

    Um wieder zurück zum Gottesbeweis zu kommen, wir können nicht etwas beweisen oder nicht-beweisen, wenn wir nichteinma annähernd eine klare Fragestellung definieren können. Das ähnelt ja einer Division durch null, oder durch Unendlich.

  7. Joerg Says:

    @Joe stimmt natürlich, vor dem Gottesbeweis müsste es erst mal eine Gottesdefinition geben. Aber auch dann könnten wir die Nicht-Existenz nicht beweisen.

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