Das Leben ist nicht perfekt

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Das Leben ist nicht perfekt

Ganz natürlich – ohne Chemie – naturbelassen.

Glauben viele Menschen, dass Natur etwas Gutes ist. Ja, natürlich!

Über die Gleichsetzung von Natur und Gut habe ich mich schon öfters gewundert bis geärgert. Man muss schon sehr weit von Natur entfernt sein, um sie für ausschließlich gut zu halten.

Aber um mich nicht einfach nur zu wundern und zu ärgern, erzähle ich zur Abwechslung mal wieder etwas über Evolution – dem Prozess, dem wir alles verdanken, auch unsere gesammelten Idiotien.

Fast alles an Lebewesen ist faszinierend, was wir und andere Tiere können, ist auf allen Ebenen beeindruckend. Nehmen wir unser Sehvermögen: Von den Annehmlichkeiten des Farbensehens, der gesamten Ästhetik bis hin zum molekularen Prozess mit dessen Hilfe Licht in Information umgewandelt wird – alles beeindruckend. Da kann man schon auf die Idee kommen, dass die Natur perfekt ist und nur unser bestes im Sinn hat.

Dabei kann gerade das Sehen auch als Beispiel dafür herhalten, was in der Evolution für Pfusch betrieben wird. So schön die Sache mit der Evolution auch ist, sollte man zumindest zwei Dinge darüber wissen: Die Evolution interessiert sich weder für „das Gute“ noch für „Perfektion“ und: Evolution kann nie einen Schritt zurück machen.

Nobody is perfect

Evolution ist ein Wettkampf die eigenen Gene in die nächste Generation zu bringen. Es geht also darum, mehr fortpflanzungsfähige Nachkommen zu hinterlassen, als die anderen. Darum dreht sich alles, fortpflanzungsfähige Nachkommen sind die Währung, in der die Evolution rechnet.

Was braucht es, um in dieser Währung erfolgreich zu sein? Braucht es dafür Perfektion? Bei weitem nicht. Es genügt schon minimal besser zu sein als die anderen. Wenn ich von einem Tiger davonlaufe, muss ich nicht der perfekte Läufer sein, sondern nur schneller als die anderen. Manchmal führt dieser Konkurrenzdruck zu beeindruckenden Leistungen, aber: Das muss nicht so sein, manchmal genügt ein ganz miese Leistung, so lange sie besser ist, als das was die Konkurrenz macht. Die Evolution zielt nicht auf Perfektion, nur auf ein „besser als die anderen.“

Kein Weg zurück

Wenn ich einen Text verfasse und so langsam merke, dass der überhaupt nicht funktioniert, kann ich mit zwei schnellen Tastenkombinationen alles löschen und bei Null anfangen. Evolution kann das nicht. Hier wird jeder Irrtum mitgeschleppt. Evolution kann nie einen Schritt zurück machen, sondern muss immer mit dem arbeiten, was da ist. Vorhandenes kann geändert werden und eine neue Funktion erhalten, es kann sich langsam zurück bilden, aber eine Neukonstruktion von Grund auf geht nicht. Ein Nachkomme kann immer nur eine Variante seiner Vorfahren sein, nie ein gänzlicher Neuentwurf.

Dieser evolutionären Tatsache verdanken wir zum Beispiel, dass Gesundheitsmagazine jedes zweite Mal mit Rückenschmerzen titeln. Wir kommts? Unsere Wirbelsäule blickt auf eine lange Geschichte zurück: Erfunden wurde sie als Stützstab für stabileres Schwimmen bei einem winzigen Meeresbewohner (Bild). Von dort weg musste sie zahlreiche Aufgaben erfüllen, vom Vierbeiner bis hin zum aufrechten Gang, bis hin zur jetzt vorwiegend sitzenden Existenz eines intellektuell je nach Maßstab erstaunlich intelligenten Primaten (Bild Evolution Bürositzer)

Um diese Aufgaben zu erfüllen, hat sie sich natürlich entwickelt und verbessert. Aber mal ehrlich: Ein Schöpfer hätte sich entlang dieser Entwicklung schon lange mal hingesetzt und einen gänzlich anderen Entwurf gemacht und etwas gebaut, was der aufrechten zweibeinigen Fortbewegung eher entspricht als diese ehemalige Schwimmhilfe. Hat er aber nicht. Die Evolution muss immer auf das Vorhandene zurückgreifen. Sie kann es verbessern, hat aber keinen Grund, es tatsächlich zu perfektionieren. Daher haben wir Rückenschmerzen. Und Knieschmerzen. Und ein inverses Auge. Und deshalb müssen Tintenfische auch ihre Nahrung durchs Gehirn quetschen. Aber das könnt ihr alles selber nachlesen, falls ihr mehr Beispiele braucht.

Evolution pfeift auf Werte, „das Gute“ ist ihr vollkommen egal und Perfektion spielt keine Rolle. Kein Lebewesen muss gut oder perfekt sein, sondern nur besser.

Bilder: CC Hans Hillewaert, Dibyendu Ash, Arthur Weasly

5 Responses to “Das Leben ist nicht perfekt”

  1. rolak Says:

    hehehe Ich bin die Krönung der Evolution, meine Rückenschmerzen habe ich geerbt! Naja, zumindest die Neigung dazu – zwei Paar SchiebeWirbel.

    Erfrischend die Selbstbezüglichkeit, mit der der Text in seinen letzten Abschnitt startet 😉

  2. Jörg W. Says:

    in meiner Verwandtschaft väterlicherseits gehört der Bandscheibenvorfall zur Familientradition, ev. bin ich so auf das Thema gekommmen.
    Mich wundert ein wenig, dass niemand Einspruch erhebt und sich an dem “besser als die anderen” reibt.

  3. rolak Says:

    (hatte ich den etwa eben vergessen abzuschicken? ts ts ts…)

    Bandscheibenvorfall

    Herzliches Beileid, Jörg – bei mir wird manchmal nach harschen Kampfsportarten wie zB ‘Tasse Kaffee in Drehung angeben’ nur der eine oder andere Nerv eingeklemmt, das ist zwar lästig über äußerst lästig bis eine Woche AU, aber bei weitem nicht von ähnlichem Zerstörungspotential.

    niemand Einspruch

    Muß man nicht für einen fundierten Einspruch Deinen Text falsch verstehen? War das etwa ein kleines Fettnäpfchen zum provozierten FalschAbbiegen des Lesers?
    Außerdem klaut Dir Florian die Kommentator*en 😉

  4. Spritkopf Says:

    Mich wundert ein wenig, dass niemand Einspruch erhebt und sich an dem “besser als die anderen” reibt.

    Das erinnert mich an den Jokus, wie zwei Männer von einem Grizzlybären verfolgt werden und der eine zieht sich noch schnell Sportschuhe an. Der andere fragt ihn: “Glaubst du, dass du damit schneller als der Grizzly rennst?”
    Die Antwort: “Nein, aber ich laufe damit schneller als du.”

  5. Jörg W. Says:

    @Spritkopf ja, den hatte ich durchaus im Hinterkopf, wir haben ihn in einer ähnlichen Variante sogar mal im Studium erzählt bekommen – aber da war es glaub ich ein Tiger 🙂

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