Covid-19: Warum niemand im Recht ist

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Covid-19: Warum niemand im Recht ist

Die Covid-19-Diskussion läuft falsch. Hier in zwei Teilen warum:

Teil 1: Wie wir Covid-19 diskutieren sollten:

Zuerst betrachten wir den besten Stand des Wissens, die Evidenz. Das allein ist schon ziemlich anspruchsvoll und ich freue mich bei einem Projekt mitzuarbeiten, das dafür sorgen wird, dass hier das Wissen laufend besser wird, ab Mitte/Ende Jänner werden wir bei der Evidenz groß mitmischen: www.covid-evidenz.de

Die Evidenz soll zeigen, welche Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie wirksam sind. Das kann in einer Metastudie beispielsweise so aussehen:

Wirksamkeit von Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung der Pandemie

Hier sehen wir, welche Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie wie wirksam sind. Heißt das, wir sollen diese Maßnahmen ergreifen?

Natürlich nicht: Nehmen wir die Evidenzbasierte Medizin als Blaupause für unsere Entscheidung: Die hat drei Säulen: 1. Evidenz. Die wissenschaftliche Beweislage, 2. Erfahrung der Experten, 3. Werte der Patienten.

Wenn wir ungefähr wissen, wie wirksam die Maßnahmen sind, haben wir erst die Hälfte der ersten Säule geklärt: Den Nutzen. Was wir noch nicht wissen, sind Kosten und Schaden der Maßnahmen. Das umfasst den gesundheitlichen Kollateralschaden, beispielsweise weil sich Menschen nicht mehr zum Arzt trauen oder weil sie in Depression und Einsamkeit versinken, ebenso, wie den wirtschaftlichen Schaden. Ihr seht schon, allein die erste Säule macht es uns höllisch schwer: Für den Nutzen brauchen wir verdammt gute Studien, die gesamtgesellschaftlichen Kosten sind noch komplexer.

Säule 2, Erfahrung der Experten überspringen wir um schneller zur Pointe und damit zur dritten Säule zu kommen:

Werte: Ganz egal wie die Nutzen/Schaden-Rechnung aus Säule eins aussieht – was wir mit diesem Ergebnis anfangen, hängt von unseren individuellen Werten ab. Gehen wir es an einem Beispiel durch: Sagen wir, es ist eine wirksame Maßnahme die eigenen Großeltern nicht zu besuchen. Was heißt wirksam? Werden dadurch die Großeltern unsterblich? Nein. Wirksam heißt, dass wir ihr Risiko an Covid-19 zu erkranken um einen gewissen Prozentsatz senken. Und das ist jetzt zentral: Unsere Entscheidung ist nicht die zwischen „wir besuchen sie und bringen sie um“ und „wir bleiben weg und retten ihnen das Leben“, sondern eine Risikoreduktion um einen bestimmten Wert. Auch wenn wir wegbleiben, können die Großeltern sterben, nur dass sie uns vorher nicht mehr zu sehen bekommen. Und auch wenn wir sie besuchen, können sie am Leben bleiben. Nehmen wir an, die Risikoreduktion, wenn wir sie nicht besuchen, beträgt fünf Prozent. Der Einfachheit halber behaupten wir, diese Maßnahme hätte keinen Kollateralschaden. Wenn wir das wissen, ist trotzdem wieder nur die Hälfte von dem geklärt, was wir wissen müssen, um eine Entscheidung zu treffen. Die andere Hälfte ist: Wie viel ist es mir wert, meine Großeltern zu besuchen?

Während wir mit guten Daten klären können, was eine Maßnahme bringt, wird Teil zwei für jeden Menschen anders aussehen. Manchen sind ihre Großeltern wurscht, manche wünschen ihnen ein langes Leben, sind aber froh, wenn sie sie nicht sehen und wieder andere wollen sie unbedingt sehen, selbst wenn dies ihr Risiko früher zu versterben um fünf Prozent steigert. Jeder von uns hat zu jeder denkbaren Maßnahme seine ganz persönliche Nutzen/Risiko-Bilanz. Auch wenn wir den Nutzen allgemeingültig formulieren könnten, was wir bei den meisten Maßnahmen nicht können, unterscheiden wir uns noch immer alle in unseren Werten. Daher ist auch niemand mit seiner Sicht der Dinge im Recht, weil seine Einschätzung nur für seine Werte gilt. 

Neben dem Wissen aus der Säule Evidenz brauchen wir also eine Debatte, die die individuellen Werte mit einbezieht. 

Und dann haben wir schon fast alles zusammen, um Maßnahmen gegen die Pandemie sinnvoll diskutieren zu können. Wir müssen nur noch ein ethisches Konzept aushandeln, wie wir die Interessen des Individuums in einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft mit den Interessen der Gesellschaft fair unter einen Hut bringen. 

Teil 2: Wie wir die Pandemie derzeit tatsächlich diskutieren:

  • Wer Risikoreduktion nicht als obersten Wert hat, ist ein Covidiot und Massenmörder.
  • Wer die diktatorischen Entwicklungen der Pandemie nicht sieht, ist ein Schlafschaf, das die Demokratie abschafft.

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