Beschneidung und Blindheit

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Beschneidung und Blindheit

Wieso gibt es überhaupt die Debatte?

Foto: cc Ms.schreiber ;Längsschnitt nach zirkulärem Hautschnitt an Penis-Vorhaut;

Text:

Ich habe mit der Beschneidungsdebatte noch eine Rechnung offen, und zwar: Ich hatte vor einiger Zeit mit so was ähnlichem wie einem Freund so etwas Ähnliches wie eine Diskussion; es war nicht wirklich eine Diskussion, weil kein Austausch von Argumenten stattfand. Die Folge war also auch kein Erkenntnisgewinn, sondern ein Email: Dieser Mensch schrieb mir: „Mich stört, dass du das Thema Beschneidung heranziehst, um Religions-Bashing zu betreiben.“

Das ist aus zwei Gründen interessant. 1. Ich habe bisher genau gar nichts zur Beschneidung gesagt, kein Video, kein Artikel, keine öffentliche Diskussion. Faktisch war die Unterstellung also einfach falsch.

Und 2. Ich halte das Thema Beschneidung für ausgezeichnet geeignet um Religionsbashing zu betreiben. Beschneidung ist absurder Wahnsinn; und warum absurder Wahnsinn ein Baustein von Religionen ist, darüber habe ich hier schon mal ganz gekonnt spekuliert: http://www.diewahrheit.at/video/warum-religionen-absurd-sein-mussen

Aber Beschneidung ist noch besser geeignet als Beispiel dafür, wie Gewohnheit unsere Gehirne und unser Empfinden komplett aushebelt. Und zwar nicht nur bei den Betroffen, also jenen die der Tradition oder Religion folgen, sondern auch bei allen anderen. Und bei dem Thema Beschneidung habe ich das an mir selbst erlebt. Bevor die Debatte ins öffentliche Bewusstsein kam, habe ich keine Sekunde darüber nachgedacht. Wohl wissend, dass es das gibt, sind weder mein Verstand noch mein Gefühl darauf angesprungen. Selbst als mein Vater sich mal aufregte, was für ein Blödsinn doch diese Beschneidung sei, tat sich bei mir immer noch nix, ich dachte nur: „Na, der regt sich ja dauernd über irgendetwas auf.“ Offensichtlich hatte ich vergessen, dass er sich durchaus regelmäßig völlig zu Recht aufregt.

Dass das Thema nicht jedem Menschen wie ein Blitz ins Hirn fährt und zu einem gigantischen Aufschrei führt ist wirklich beachtlich. Das darüber eine Debatte geführt wird, ist schlicht sensationell, und nur möglich, weil Hirn und Emotion durch Gewohnheit außer Betrieb gesetzt wurden. Es ist gesellschaftlich gesehen extrem interessant, wie einmal sozial anerkannte Rituale außer Frage gestellt sind. Und dafür gibt es kaum besseres Beispiel als die Beschneidung.

Denn mal ehrlich, es würde keine einzige Stimme für Beschneidung geben, wenn sie für uns alle eine neue Idee wäre. Stellen Sie sich das mal vor: Sie haben einen winzigen Sohn, tun alles, damit er von unnötigen Schmerzen verschont bleibt, haben schon ein schlechtes Gewissen, wenn Sie mal zur billigeren Windel greifen und dann kommt jemand und sagt: „Hallo wir schneiden jetzt am Penis ihres Säuglings rum.“ Sie würden die Polizei rufen oder Schlimmeres – und zwar mit gutem Recht.

Oder versuchen wir es anders: Denken Sie sich eine Liste aus, mit möglichst verachtenswerten Dingen: Hätte auf dieser Liste nicht auch das Herumschnippeln an den Genitalien von Kleinkindern Platz?

Ich glaube, jeder, der es auch nur eine Sekunde schafft, einen Schritt zurück zu treten und Beschneidung als das zu sehen was sie als reale Handlung darstellt, kann sich über die Diskussion nur wundern. Die Religion hat sich den Schwachsinn ausgedacht, aber hier ist es nicht die Religion, die uns blind macht. Es ist die Gewohnheit, die völlig kritiklose Akzeptanz von etwas, was es einmal geschafft hat, sich in der Gesellschaft zu etablieren. Es macht mir Sorgen und ich schäme mich auch ein wenig dafür, da genau so blind gewesen zu sein. So blind, dass ich die sinnlose Körperverletzung von Kleinkindern nicht als solche erkannt habe.

10 Responses to “Beschneidung und Blindheit”

  1. Pedalritter Says:

    Recht schön auf den Punkt gebracht. Gewohnheit als beeinflussende Macht in unserem Bewusstsein wird bestimmt allgemein unterschätzt. Für meinen Geschmack hätte man noch 2 Punkte in das Video ein wenig stärker integrieren können:
    1. Die Verbindung zwischen Gewohnheit und Tradition. Für mich als generell eher anti-traditionalistischen Menschen war schon immer bemerkenswert, warum scheinbar allgemein angenommen wird, eine Idee oder Verhaltensweise wäre wertvoller, nur weil sie alt ist. Ich würde eher sagen, eine Schnapsidee bleibt eine Schnapsidee, egal wie lang sie bereits hochgehalten wird. Die Zeit macht das nicht besser, eher im Gegenteil. 2000 Jahre gebraucht zu haben, um zu bemerken, dass unnötiges Abschneiden von Körperteilen kleiner Kinder nicht zu den wirklich beeindruckenden Kulturleistungen gehört, ist keine Lernkurve, auf die ich sonderlich stolz wäre. Ich weiß, manch einer würde jetzt das „unnötig“ diskutieren wollen. Ich nicht.
    2. Eine Ebene der Beschneidungsdebatte, die mir selbst fast mehr im Magen liegt, als die reine Körperverletzung: Dass sie wunderschön eine Facette der omnipräsenten Scheinheiligkeit in unserer Gesellschaft ans Licht zerrt: Die Formulierung der Deklaration der Menschenrechte war eine der wenigen Glanzstücke in der ethischen Entwicklung dieser Spezies. Jeder halbwegs aufgeklärte Mensch muss sich –mindestens den Persönlichkeitesrechten, wenn schon nicht den Freiheitsrechten- verpflichtet fühlen… würde man meinen. Aber schon erhebt der Kulturrelativismus sein hässliches Haupt. Egal wie absurd, grausam und Menschenverachtend eine Handlung ist, wenn genügend Menschen lang genug so dämlich waren, geht das in Ordnung. Aber vielleicht wäre das ja mal ein eigenes Video wert.

  2. Jörg W. Says:

    @Pedalritter als alter Egozentriker habe ich den Fokus natürlich auf mich und meine Erlebnisse gerichtet 😉

    “Egal wie absurd, grausam und Menschenverachtend eine Handlung ist, wenn genügend Menschen lang genug so dämlich waren, geht das in Ordnung”

    Nicht nur, dass es in Ordnung geht, wir bemerken nicht einmal, dass es absurd, grausam und menschenverachtend ist.

  3. rolak Says:

    Nu, meine Wenigkeit hat über dieses Thema schon recht früh nachgedacht – allerdings wg der Startbedingungen: Für die bei mir diagnostizierte Phimose war Beschneidung damals™ die Therapie der Wahl. Nicht nur das Ereignis an sich war einschneidend, sondern auch das (altersbedingt eher schwache, aber immerhin) Erleben des Empfindungs-Unterschiedes vorher/nachher.

    Die Krönung kam allerdings erst später: Der mittlerweile mehrfach gehörte Satz ‘Oh wie gut daß Du beschnitten bist, ist für Frauen viel gesünder’. Als mir damals aufging, daß dies letztendlich heißt, daß Männer generell derart schmutzig sind, daß es schon von Vorteil ist, wenn irgendwo der Dreck wenigstens frei runterfallen kann, ist mir alles ver-, bin ich ge-gangen.

    Das alles führt dazu, daß ich Deine Gelassenheit bei dem Thema nur bewundern kann 😉 Und sei beruhigt: Die andressierte Blindheit ist ärgerlich, aber nicht peinlich – das Erkennen deselben dagegen ist eine Leistung.

  4. Joerg Says:

    Hi Rolak, danke für das persönliche Statement.

  5. Mario Sedlak Says:

    Meines Erachtens ist es nicht Gewohnheit, die “unsere Gehirne und unser Empfinden komplett aushebelt”, sondern schlicht das – wie ich es ironisch nenne – “soziale Naturgesetz”: Die Mehrheit hat immer Recht. Das lässt sich (leider) überall in unserer Gesellschaft beobachten …

  6. Erich Egermann Says:

    Die Beschneidung war einmal nix andres als ein primitives Hygienegesetz und als solches zum Beispiel in den Mosaischen Gesetzen der Juden enthalten.
    ( Ebenso z.B. das Verbot von Schweinefleisch – Schweine waren damals gerne Träger von Trichinen, auch nix gesund )
    Das tägliche Duschen war damals noch nicht so einfach möglich und eine Phimose beim Steppenvolk in der Wüste auch sicher nicht lustig. Prophylaktisch wurden daher den kleinen Buben der Pimmel gezwickt.
    In der heutigen Zeit sind diese “religiösen” Traditionen schlichtweg ein Anachronismus.

  7. Pullermann Says:

    Hier noch ein gut gemeinter Rat von Putin: Islamisten “beschneiden, bis nichts mehr nachwächst!” 🙂

  8. werner Says:

    Ich bin für eine Beschneidung, aber nicht bei Kindern, sieht aber beim heranwachsenden Sohn, das er überschüssigen Vorhaut oder gar eine Vorhautverengung hat, dann sollte man beschneiden. Und wie schon oben erwähnt werden sich seine zukünftigen Frauen freuen, da sie nicht so einen Dreckbeutel voll Bakterien In den …. oder in die …… bekommen.

  9. Jörg W. Says:

    @Werner naja, man könnte dem Sohn ja auch beibringen sich zu waschen.

  10. Elvenpath Says:

    Mir ging es genau so. Bis zu dem Urteil hier in Köln, habe ich auch einfach so hingenommen, dass Muslime und Juden ihre Kinder beschneiden. Gewohnheit. “Die machen das halt so”. Erst, wenn man wirklich darüber nachdenkt, trifft es einem wie der Schlag, dass es massives Unrecht ist.

    Gegen Smegma gibt es übrigens ein gutes Mittel: Nach dem Waschen mit einer fetthaltigen Salbe einreiben (Vorsicht! Nicht kondomtauglich). Das Smegma bildet sich quasi gar nicht mehr und auch der Geruch bleibt wesentlich länger weg, als bei reinem Waschen. Waschen trocknet nämlich auch die Haut aus, was zu den Hautpartikeln führt, aus denen Smegma teilweise besteht.

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