Wenn der Feind Recht hat

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Wenn der Feind Recht hat

Könnt ihr ambivalent?

Text:
Sie kennen doch sicher die Pharmamafia: Sie wissen schon, das sind diese großen Unternehmen die dauernd Studien fälschen und uns Krankheiten einreden, die es nicht gibt, um uns Mittel zu verkaufen, die wir nicht brauchen.
Eine Argumentationslinie, wie sie in Gesundheitsdiskussionen dauernd auftaucht. Und: Es stimmt. All das wurde von großen Pharmaunternehmen schon gemacht und ja, es stimmt auch, dass sie unglaublich viel Geld für Marketing ausgeben, um ihr Zeug zu verkaufen. Wer so argumentiert, hat also Recht.
Wenn wer auf der anderen Seite argumentiert, dass die Pharmaindustrie zahlreiche Krankheiten effektiv bekämpft und Millionen von Menschenleben rettet – der hat auch Recht. Blöd irgendwie. Manche scheitern an dieser eigentlich gar nicht so komplizierten Situation bereits. Es macht sie fertig, dass bei einer Geschichte beide Seiten gültige Argumente haben. Es überfordert und der eine oder andere flüchtet sich bereits hier in eine einfache Scheinwelt und ignoriert einfach das gültige Argument der anderen Seite. Das sind dann die, die das Wort Pharmamafia völlig ernst meinen und auf den Schwachsinnsexpress namens „natürlich ist gleich gut“ aufspringen (http://www.diewahrheit.at/video/natur-gut-unsterbliche-ideen-teil-2).

Richtig interessant wird es, wenn beide Seiten nicht nur gültige Argumente haben, sondern gültige Totschlagargumente: Also so entscheidende Punkte, dass die Gegenseite eigentlich ausgehebelt sein müsste. Damit sind wir bei einem österreichischen Antithema: Der Atomkraft. Hier in Österreich wird traditionell nur das Totschlagargument der Atomkraftgegner angeführt: Es gibt keine Lösung für den laufend entstehenden Atommüll. Das stimmt. Und es ist absolut unverantwortlich Atommüll zu produzieren, wenn es keine Lösung gibt, wohin damit. Konsequenz daraus: Atomkraft muss sofort eingestellt werden.

Das Totschlagargument der Atomkraftbefürworter ist: Ohne haben wir nicht genug Energie, außer wir setzen auf fossile Brennstoffe und ruinieren endgültig und rasend schnell das Klima. Auch das ist richtig. Alternative Energiequellen haben bei all den Jubelmeldungen massive Schwächen. Ihre Leistung ist so unregelmäßig, dass für den steten Bedarf fossile Kraftwerke herhalten müssen. Daher wäre es vollkommen idiotisch die Atomkraft abzuschalten.

Also: Auch wenn die Mehrheit in Österreich das gerne ignoriert, sowohl Atomkraftgegner als auch -befürworter haben gültige Argumente. Mehr noch- sie haben beide gültige Killerargumente!

Ziemlich verfahrene Sache. Aber nicht verzagen – ich weiß wie sich zwar nicht wie sich das Problem, aber immerhin wie sich die Debatte lösen lässt.

So lange beide Seiten gültige Totschlagargumente haben, macht es keinen Sinn, dafür oder dagegen zu sein. Beides ist gleichermaßen falsch.
Es macht auch keinen Sinn, dass die beiden Seiten miteinander diskutieren. Für beide Seiten ist die einzige Lösung, das Problem so lange zu bearbeiten, bis das Totschlagargument der Gegenseite wegfällt. Bei Atomkraft heißt das: Entweder löst die eine Seite das Atommüllproblem – und mit lösen meine ich nicht, eine diffuse technische Lösung, die sich irgend wo am fernen Zeithorizont vielleicht abzeichnet. Oder die andere Seite löst das Energieproblem.
Ich wünsche beiden Seiten: Viel Erfolg!

16 Responses to “Wenn der Feind Recht hat”

  1. wasgeht Says:

    Die Frage mit dem Atommüllproblem ist weitgehend gelöst, mit grundlegender Technik, die es schon sein Jahrzehnten gibt. Hatte ich hier einmal beschrieben:
    http://scienceblogs.de/wasgeht/2015/05/17/was-ist-mit-atommuell/

    Die Lösung braucht aber Kernreaktoren um die langlebigen Teile des Atommülls zu spalten und Aufbereitungsanlagen, damit man die Stoffe vorher trennen und entsprechend getrennt behandeln kann.

    Was übrig bleibt hat eine Lagerzeit von 1000 Jahren, an deren Ende die Radiotoxizität der Stoffe (also die potentielle Schädlichkeit der Radioaktivität für den Menschen) genauso groß oder kleiner ist, als die Radiotoxizität der Uranerze die dafür abgebaut werden mussten.

    Das alles basiert auf sehr gut gemessenen und bekannten Eigenschaft der Stoffe (Neutronenquerschnitte etc.). Aber die Kombination von Kernreaktoren und Aufbereitungsanlagen ist heute die einzige Möglichkeit das zu erreichen, ohne auf exotische Technik oder weitere Entwicklungen zu setzen, was ja klar abgelehnt wurde.

    Alternativen für Kernreaktoren wären z.B. Neutronenspallationsquellen, also den Bau von industiellen Teilchenbeschleunigern. (Die auf maximale Menge der Teilchen getrimmt sind, nicht auf maximale Energie der Teilchen wie in der Forschung.)

    Oder Fusionsreaktoren, die als reine Neutronenquellen viel geringere Anforderungen hätten als für die Energienutzung.

    Um die Aufbereitungsanlagen gibt es keinen Weg drum herum. Es seie denn ein Einhorn kommt um die Ecke, stampft mit den Hufen auf und trennt damit die Stoffe säuberlich voneinander.

  2. Jörg W. Says:

    @wasgeht sehr spannender Beitrag, danke. Obwohl am Schluss wieder relativ leicht verständlich, ist mir doch nicht klar, was denn jetzt eigentlich Stand der Dinge ist:
    “Die Lösung braucht aber Kernreaktoren um die langlebigen Teile des Atommülls zu spalten und Aufbereitungsanlagen, damit man die Stoffe vorher trennen und entsprechend getrennt behandeln kann.”
    Gibt es die, werden die gerade so gebaut, sollen die irgendwann gebaut werden?

  3. wasgeht Says:

    Die Aufbereitungsanlagen gibt es. So wie sie zur Zeit betrieben werden, reduziert sich die Zeit aber nicht auf etwa 1000 Jahre, sondern eher 10.000 Jahre. Die Abtrennung von Americium wird derzeit nicht im großen Maßstab durchgeführt, weil sie in den Plänen nicht vorgesehen ist. Sie wird aber in kleinem Maßstab für Rauchmelder (hauptsächlich in den USA) und für die Entwicklung von Radioisotopenbatterien in der Raumfahrt durchgeführt. Es ist also nichts spekulatives, nur etwas, das man tun müsste.

    Die passenden Reaktoren gibt es. Wenn man Thorium als Brennstoff nimmt, dann geht es mit den gebräuchlichen Druckwasser- und Siedewasserreaktoren. Wie das allgemein geht, habe ich hier geschrieben:
    http://scienceblogs.de/wasgeht/2015/05/19/was-geht-mit-thorium-und-was-nicht/

    (Das wurde schon demonstriert mit dem Shippingportreaktor. Ich wollte ohnehin im Lauf der Woche einen Artikel zu dem Reaktor dazu schreiben. Schau dazu bei Interesse einfach nochmal im Blog vorbei.)

    Wenn man Uran als Brennstoff nehmen will, braucht man für den letzten Schritt “schnelle” Reaktoren ohne Moderator oder mit weniger Moderator als üblich. Die waren früher als schnelle Brüter bekannt, wobei das Brüten wegen der niedrigen Uranpreise heute eher uninteressant geworden ist. Aber es gibt solche Reaktoren (z.B. BN-600 seit 35 Jahren am Netz) und sie werden auch gebaut (BN-800 – dürfte dieses Jahr ans Netz kommen). Wobei die Entwicklung in Europa und den USA seit den 90er Jahren endgültig im beinahe-Stillstand ist.

    Es gibt dort einige berechtigte Sorgen wegen des Natriums als Kühlmittel. Aber man kann stattdessen auch Blei als Kühlmittel nehmen, wie man es schon bei den russischen Alfa U-Booten getan hat.

    In Russland werden mit der gleichen Technik gerade zivile Varianten entwickelt (SVBR und BREST). Aber wegen der Finanzprobleme seit letztem Jahr sind da wohl Verzögerungen zu erwarten. Allerdings soll der SVBR ein kleiner Reaktor sein, der vergleichsweise wenig Finanzierung braucht und die Technik ist auch für den Export angedacht. Die Standortgenehmigung für den Reaktor haben sie schon und die Grundsteinlegeng für das Kraftwerk war auch schon. Aber es fehlt noch die Genehmigung für den Bau des Reaktors, die soll demnächst kommen.

    Nicht so konkret sind Pläne für Siedewasserreaktoren mit größerem Blasenanteil, die dann wegen dem dort fehlenden Moderator ganz ähnlich wie ein schneller Brüter funktionieren. Das ist sehr nah an vorhandener Technik, wurde aber noch nie gebaut. Deswegen gehe ich davon aus, dass es das festgelegte Kriterium nicht erfüllt. (Wobei es kaum ein Problem gibt, bei dem eine Lösung die 50 oder 100 Jahre “zu spät” käme noch dermaßen effektiv wäre wie bei Atommüll.)

  4. rolak Says:

    (etwas allgemeiner)

    macht es keinen Sinn, dafür oder dagegen zu sein

    Das sehe ich ein wenig anders – die Eigenpositionierung mag (zumindest lokal bzw persönlich) sinnvoll sein, doch sinnleer ists allemal, in einer solchen Situation (beide gute+valide Argumente) den anderen davon überzeugen zu wollen, daß man selber aber mehr recht habe (oder so, ist ein bißchen wie Sandkasten im Kindergarten).

    Aller Erfahrung nach fällt es sehr vielen, wenn nicht sogar den meisten Menschen ziemlich schwer, mit Ambiguitäten, ‘wissen wir nicht’, unentschieden oder ‘beides klingt gut, schließt sich aber gegenseitig aus’ zu leben, sich damit zu arrangieren. Nur im Rheinischen gibt es mit ‘kann sein, kann auch nicht sein’ positive Ansätze 😉
    Doch viel schlimmer noch: Aus dieser ~Unfähigkeit resultierende Dauer-PseudoDiskussionen, eher DuoMonologe zehren Kraft, verschwenden Zeit und sonstige Resourcen (Nervenkostüm etc). Soll doch jeder aus der Stärke seine Überzeugung heraus in Richtung seiner präferierten Lösung arbeiten/forschen – falls dazu nicht willens, bei allem Respekt: Fresse halten.

  5. Stefan Says:

    Ich glaube die Bezeichnung Torschlagargument passt hier nicht.
    Ein Torschlagargument ist ja kein Trumpf-Argument, dass so gut ist, dass es alle anderen Argumente aussticht. Es ist vielmehr ein inhaltlich leeres Argument – ein Scheinargumente um die Diskussion abzuwürgen. So etwas wie “Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast”.
    Die genannten Beispiele sind ja gültige Argumente.

  6. Jörg W. Says:

    @Stefan interessant, du hast Recht 🙂 Für mich war ein Totschlagargument immer eines, dem faktisch kaum widersprochen werden kann, aber laut Wikipedia heißt es das einfach nicht.
    Das Video ist also sprachlich nicht korrekt, scheint aber dennoch für die meisten verständlich- hoffe ich mal.Danke für den Hinweis.

  7. rolak Says:

    für die meisten verständlich

    Der Kontext half/hilft über die Straße, Jörg — und verständlich ist der ‘Fehlgriff’ allemal, liegt TSA doch ganz eng zwischen ‘schlagendes Argument’ und ‘killer application’, beides aus der Ecke, aus der Du etwas gesucht hast…

  8. rolak Says:

    Eine (nicht unbedingt neue) Variante des hiesigen Themas gabs gestern in den SB: Die des öfteren zu machende Beobachtung, daß sehr ähnliche Phänomene von Menschen grundverschieden wahrgenommen werden ist Auslöser für einen strukturell, sprachlich und argumentativ grottigen Text, der auch noch als trojanisches Pferd für einige völlig themen-unzusammenhängende Ausfälle gegen eine offensichtlich vom Autor ungeliebte Geisteshaltung herhalten muß.

    In diesem Falle hat der Gegenüber korrekte Daten, doch er schlußfolgert falsch und wird auch noch ausfallend. Da ist mir die hier skizzierte BasisVersion doch deutlich lieber…

  9. Spritkopf Says:

    Und im Nachgang zu rolak: Heute gabs bei SB die nächste Diskussion passend (und gar noch passender) zum Video.

  10. rolak Says:

    Der arme Kai^^ In der hiesigen, nachwachsenden TitelListe des aktuellen AS-Wettbewerbs bekam der Text ein mäßiges “schöne ZwischenTitel, doch sonst eher dröge” (deswegen ward der thread auch nicht weiter verfolgt). Sauber, doch eher uninspirierend, kann auch am Thema liegen. Aber diesen Harry, der sich in perpetueller Impertinenz als Vorsitzender vorstellt, den hat er wirklich nicht verdient… Auch nicht das durch ihn initiierte intensiv aneinander Vorbeireden.

  11. Jörg W. Says:

    @rolak ad 16.9. 4:43 ; ich glaube, da ist jemand noch immer aufgrund des “Philosophie ist dumm” Beitrags sauer auf den Florian…um dann einen Beitrag zu schreiben, der mich zu einem weiteren Teil “Philosophie ist dumm” inspirieren könnte; hätte ich nicht zufällig ausgerechnet heute zwei Texte zu Evolution geschrieben, die grundsätzlich immer vor der Philosophie kommt (hier sicherheitshalber Zwinkersmiley dazu denken).

  12. Spritkopf Says:

    Dieser Jemand ist sehr von sich selber überzeugt, hat aber anscheinend dennoch nicht gemerkt, dass das Video und sein Titel nicht von Florian stammen. Und da er sich auch schon anderweitig bis auf die Knochen blamiert hat, finde ich, dass seine Meinung nicht unbedingt maßgeblich ist.

    Aber wenn du wieder etwas über Philosophie bringst, hätte ich gar nichts dagegen. 😉

  13. Jörg W. Says:

    @spritkopf ich bin ja auch sehr von mir überzeugt und werde auch sicher mal was zur Philosophie nachlegen. Leider reichts zur zeit nur alle paar Monate für ein Video…

  14. rolak Says:

    reichts zur zeit

    jaja, Jörg, früher™ haben wir 24h am Tag gearbeitet und zur Not die Nacht auch noch durch – jetzt ist die altersbedingte Schrumpfung der Haut schon so weit fortgeschritten, daß es bei halbwegs bequemem Ausstrecken der Beine sofort die Augen zuzieht…

  15. Jörg W. Says:

    @rolak das muss ich dementieren; früher (im Gegensatz von “zurZeit” hatte ich einfach keinen Vollzeitjob

  16. rolak Says:

    ach das war doch keine Beschwerde, nur das erste, was mir durch den Kopf schoss…

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