Wie dumm darf`s sein?

Posted on: January 30, 2015
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reliabsurd

Zu den großartigen Freiheiten, die wir in unserer Gesellschaft haben, gehört auch die Freiheit, kompletten Mist zu glauben. Das meine ich nicht ironisch, wir sind keine rein rationalen Wesen, aus zahlreichen Gründen wollen wir absolut schwachsinniges Zeug glauben – und das wir das dürfen, ist enorm wertvoll. Und fast jeder von uns macht ausgiebig von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Und, ganz wichtig bevor wieder jemand unnötig beleidigt ist: Nur weil jemand an eine dumme Sache glaubt, ist er noch lange kein Idiot. Beispiel Religion: Die drei großen Weltreligionen sind ohne den geringsten Zweifel ein GAU – größter anzunehmender Unfug. Trotzdem ist nicht jeder Gläubige dumm. Die Gründe zu glauben sind nur stärker als die rationalen Argumente dagegen. So irrational und widersprüchlich Religionen auch sein mögen, es existieren gute Gründe ihnen anzuhängen – ihre Irrationalität kann sogar einer der guten Gründe sein, wie ich in diesem Video versuche zu erklären. Aber auch die Angst vor dem Tod, die alltägliche Einbettung in eine Gemeinschaft und die frühkindliche Indoktrinierung können Ursachen für das Festhalten am Glauben sein. Auch ein paar Automatismen unseres Gehirns verlangen nach einem Gott – beispielsweise das Verursacherprinzip: Was auch immer passiert, das Hirn nimmt automatisch an, dass jemand die Ursache für dieses Geschehen ist. Und wie in diesem Video dargelegt, haben wir auch einfach gerne einen unsichtbaren Freund.

Wir, die Elite

Und das sind bei weitem nicht alle Gründe, die uns an unsinnige Dinge glauben lassen; ich will nur noch einen weiteren anführen, der auch viele esoterische Denkrichtungen prägt: So manchen Unsinn glauben wir, weil er es uns erlaubt, uns als etwas ganz Besonderes zu betrachten – als Diejenigen, die erlöst werden, als Diejenigen, die als einzige die Wahrheit kennen, als Diejenigen, die den Menschen auf die nächste Stufe der Evolution heben….

Der blinde Fleck

Der Wunsch Unsinn zu glauben, wird also von starken Kräften getragen. Ob und in welchen Punkten wir diesen Kräften nachgeben, ist nicht in erster Linie eine Sache des Verstandes. Persönlichkeit, Erfahrungen, soziales Gefüge, Erlebnisse – selbst Traumata und Drogen entscheiden darüber, ob wir unserem Verstand einen blinden Fleck gönnen. Denn das ist es, was passiert, wenn wir beschließen etwas zu glauben, das offensichtlich dämlich ist: Unser Verstand wird auf dieses Thema einfach nicht angesetzt, nicht in seiner kritischen Form. Es braucht weder viel Intelligenz noch viel Wissen, um sich darüber klar zu werden, wie widersprüchlich und unsinnig Religionen sind, jeder hat das Potenzial, das zu erkennen (wer’s nicht glaubt, möge Christopher Hitchens zu Rate ziehen). Und mit den meisten esoterischen Gedankengebäuden ist es das Gleiche. Aber auch die Intelligentesten von uns haben für ihr Gehirn noch einen zweiten Modus, den Ich-rücke-mir-die-Welt-zu-Recht- Modus. Und der funktioniert bei jedem von uns großartig, sonst würden wir vor lauter Selbstzweifeln morgens gar nicht aus dem Bett kommen. Wer an etwas glaubt, schaltet bei diesem Thema einfach in diesen zu-Recht-rück-Modus, anstatt zur ansonsten durchaus vorhandenen Vernunft. Das ist keine Dummheit, sondern häufig ein erstaunlich kreativer Prozess. Es benötigt meistens einiges an Gehirnschmalz, um die ganzen Irrsinnigkeiten so zu interpretieren, dass man damit leben kann. Moderne Katholiken müssen beispielsweise 95 Prozent der Bibel kreativ uminterpretieren, um ihren Gott nicht als grausames Monster zu erkennen.

yeah, Pluralismus!

Dummes Zeug zu glauben ist keine Folge von Dummheit, sondern ein Ergebnis davon, dass jeder von uns gute Gründe hat, seinem Verstand den einen oder anderen blinden Fleck zuzumuten. Das schöne an einer freien und vielfältigen Gemeinschaft ist, dass wir uns diese blinden Flecken aussuchen dürfen. Und im Idealfall zwingt keiner dem anderen seinen blinden Flecken auf. Ob Religion, Astrologie, Granderwasser oder die irrige Meinung, beim Motorradfahren unverwundbar zu sein – so lange wir mit diesen Wahnsinnigkeiten niemanden gefährden oder unterdrücken, dürfen wir uns daran erfreuen. Da diese blinden Flecken keine Frage des Verstandes sind, kann auch niemand aufgrund seines blinden Flecks für dumm gehalten werden.

Wie dumm darf`s sein?

Eigentlich sollte ein solcher Text zu einer Pointe kommen – und der vorige Satz hätte sich da ja auch angeboten. Mir stellt sich jedoch eine Frage: Wie dumm darf’s denn sein? Akzeptieren wir jede Form und Größe eines blinden Flecks? Die wenigsten von uns haben Probleme damit, einem Katholiken Intelligenz zuzutrauen, aber  trauen wir das auch einem Scientologen zu? Akzeptieren wir einen blinden Flecken grundsätzlich, aber zwei sind zu viel? Können Sie jemanden noch für intelligent halten, wenn er Zeuge Jehovas ist, auf Granderwasser schwört und bei Pegida mitläuft?

Ab wann ist es egal, ob jemand keinen Verstand hat oder ob er ihm eben nur besonders viele blinde Flecken gönnt?

Doch noch Pointe?

Friedliches Zusammenleben funktioniert dort, wo wir gelernt haben, die blinden Flecken der anderen zu akzeptieren, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass es nicht ausgerechnet die blinden Flecken sind, die die Regeln bestimmen. Jeder hat das Recht auf seinen persönlichen Schwachsinn, aber das Zusammenleben darf nicht ausgerechnet von jenen Ideengebäuden bestimmt werden, bei denen die Vernunft ausgehebelt ist.

 

 

 

One Response to “Wie dumm darf`s sein?”

  1. Thomas Einfach Mensch Says:

    Der Glaube an einen Gott beginnt schon bei der Indoktrinierung, indem man ihn überhaupt erwähnt und versucht zu erklären was das ist. Das indigene Volk, der Piraha hätte bekehrt werden sollen und dann fragten sie: „Kennst du Gott?“, „Kennt jemand in deiner Familie Gott?“, oder „Irgendwer, der irgendwen kennt, der Gott kennt?“. Gott gibt es nicht, bis man ihn in den Mund nimmt. Eine reine Erfindung von Menschen damals, die glaubten, da müsse es etwas geben, was noch grösser ist, als sie selbst. Man glaubte ja immer, der Mensch sei schon die Krone der Schöpfung. Aber wenn man genauer hinsieht eher eigentlich ein Unfall. Ich kenne keinen anderen Parasiten, der an eine Schöpfung glaubt. Allen voran die Christen! Es gibt kein Land auf diesem Planeten, das christlich lebt. Muslimische schon. Auch wenn sie für uns mitterlalterlich leben und denken, leben sie ihren Glauben öffentlich. Nur die grössten Umwelt-, Menschen-, Planetenverschmutzer sind nunmal christliche Länder, oder Länder deren Ursprung die Bibel ist.

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