Patriotismus ist ok

Posted on: May 5, 2018
4 comments so far (is that a lot?)

„Patriotismus ist eine geografische Form der Esoterik“

twitterte der recht bekannte Journalist Mario Sixtus vor ein paar Tagen. Ich bin Patriot und Esoterikgegner, daher tut mir so eine Behauptung natürlich etwas weh. 

Seit Jahrzehnten macht mir mein Patriotismus Schwierigkeiten – in der eher links-linken Blase in der ich mich zumeist tummle sind so Sätze wie jener von Sixtus häufig. Und das hinter allem stehende Argument ist vollkommen schlüssig:

Niemand kann etwas dafür, wo er geboren wurde, er hat also auch keinen Grund darauf stolz zu sein.

Das ist korrekt. Und noch etwas ist korrekt: Patriotismus erhöht das Risiko für Nationalismus – wer stolz auf seine Heimat ist, neigt dazu, sich über das Vehikel Heimat über andere zu stellen. Das ist widerlich und unglaublich gefährlich.

Das sind zwei gute Gründe, warum mich mein Patriotismus immer etwas beschämt hat. 

Aber: Das ist falsch, Patriotismus ist nichts Böses, auch wenn es viele aus einer bestimmten Gruppe immer wieder laut hinausposaunen – oder eben twittern.

Patriotismus ist nicht böse, weil es keine Ideologie ist, sondern ein Gefühl, vielleicht sogar eine Veranlagung. Ein Beispiel: Ich freue mich über Erfolge der österreichischen Fußballnationalmannschaft, obschon es mir im Grunde wirklich wurscht sein könnte, welche Gruppe tätowierter junger Millionäre gegen die andere gewinnt. Es ist auch ein emotionaler Unterschied, ob ich in Österreich auf einem Berg stehe, oder etwa in Rumänien – beides ist schön, aber in Österreich kommt eben noch dieses Patriotismusgefühl dazu. Und ich denke wir können uns darauf einigen, dass man sich für seine Gefühle und seine Veranlagung nicht zu schämen braucht.

Daher liegt ihr Patriotismusverachter falsch, es ist keine Form von Esoterik, es ist nichts Böses und ihr könnt das niemandem zum Vorwurf machen. Ich habe mir genauso wenig ausgesucht Patriot zu sein, wie sich jemand seine sexuelle Orientierung aussucht.

Doch bevor hier die ganzen Nationalisten und Heimat-ist-das-Größte-Eumel in Jubel ausbrechen: Patriotismus ist zwar keine Ideologie, aber Nationalismus ist es. Und zwar eine der gefährlichsten die wir kennen. Und jeder Patriot muss sich bewusst sein, dass Patriotismus anfällig macht für Nationalismus.

Ich geniere mich nicht für meinen Patriotismus, aber ich behalte ihn sehr genau im Auge.

 

 

PS: Diese Unterscheidung von Patriotismus und Nationalismus habe ich mir nicht aus den Fingern gesaugt, sie steht so unter anderem auch auf Wikipedia. Es gibt also keinen Grund das weiterhin durcheinander zu bringen.

4 Responses to “Patriotismus ist ok”

  1. Peter Says:

    “Und ich denke wir können uns darauf einigen, dass man sich für seine Gefühle und seine Veranlagung nicht zu schämen braucht.”

    Das denke ich nicht. Wir können gegenüber anderen Menschen negative Gefühle haben, und es sind ja gerade die Rassisten und Nationalisten, die sich nicht scheuen, diesen Gefühlen Ausdruck zu geben.

  2. Joerg Says:

    @Peter
    Meines Erachtens liegt die Pointe in deinem letzten Satz – “nicht scheuen, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.” Wenn sie den Gefühlen Ausdruck verleihen, sind wir nicht mehr bei Gefühlen, sondern bei Handlungen – und für unsere Handlungen sind wir natürlich sehr wohl verantwortlich.

  3. rolak Says:

    natürlich sehr wohl

    Ja ja, diese anscheinend unglaubich schwierig wahrzunehmende Grenze zwischen bzw Unterscheidung von Eigenwelt und Außenwelt wird immer wieder gerne übersehen bis ignoriert, Joerg

    Mit dem Tweet habe ich über die -ismus-Wahl hinaus so meine Schwierigkeiten – “Nationalismus ist eine esoterische Form der Geographie” klingt imho wesentlich stimmiger.
    Die Eigenbeschämung ob dieser manchmal seltsam anmutentenden Aufwallung patriotische zu nennender Gefühle ist mir zum Glück schon recht früh ausgetrieben worden, mit einer geschickten reductio ad absurdo bzw ‘ad dann lieber doch’: Egal, ob ich meine Herkunftsgegend liebe oder nicht, egal ob ich auf meine Herkunft stolz bin oder nicht – an meiner Herkunft ändert sich dadurch nichts. Dann lieber lieben und stolz sein.

  4. Joerg Says:

    lieben und stolz sein hat ja durchaus positive praktische Folgen: Mir ist das Wohlergehen wichtig. Ich werde mich also dafür einsetzen, es hegen und pflegen und es geht mir tierisch am Ars*** wenn Leute in verantwortungsvollen Positionen furchtbaren Mist bauen.

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